Beiträge zur Lösung …

Zusammenfassung:

Bildung wäre der Schlüssel zu einer realitätsbezogenen Haltung, die den vorausschauenden Schwenk hin zu einer wirklich nachhaltigen Entwicklung und zu einem Paradigmenwechsel in der Raumordnung ermöglichen würde. Bildung könnte und müsste die Einsichten hervorbringen und die Mehrheiten schaffen für die notwendigen politischen und rechtlichen Veränderungen auf den Ebenen von Bund, Land und Kommune.

Die wichtigste Einsicht wäre, dass wir alle, jeder auf der Ebene, auf der er Verantwortung trägt, nicht mehr länger so wirtschaften, als ob wir nach dem Verbrauch unseres Heimatplaneten einen zweiten aus dem Hut zaubern könnten, um dann mit dem Landschaftsverbrauch und der Vergeudung all der anderen Ressourcen so weitermachen zu können wie zuvor.

Bildung – das bedeutet allerdings ein sehr langfristiges Projekt. Ob das unsere Städte und unsere Kulturlandschaften noch retten kann – wir werden sehen! Wenn dieses Bildungsprojekt scheitert – und nicht nur bei uns, sondern weltweit sieht es sehr danach aus – dann wird steigender Leidensdruck die weitere Entwicklung bestimmen. In den Megacities dieser Welt ist das heute schon so. Dieser Leidensdruck kann notwendige Einsichten voranbringen … er kann aber auch in Verteilungskämpfen um die Reste der Resourcen münden.

 

Und jetzt die Langfassung:

Gespräche, Appelle, Vorlage von Gutachten, Petitionen, Demonstrationen – vieles wurde zu dem hier behandelten existentiellen Thema in den letzten Jahren unternommen. Da und dort erreicht man ein verbales Entgegenkommen bei den Entscheidungsträgern, aber immer nur für kurze Zeit: sobald dann wieder jemand „wichtige“ wirtschaftliche Interessen anmeldet, sobald wieder ein neues Loch in der Stadtkasse bekannt wird, und vor allem: sobald Wahltermine wieder vorüber sind, werden die vermeintlichen Patentrezepte „Verdichtung“ und „Wachstum“ erneut hervorgeholt. Und zu viele glauben dann doch wieder den Behauptungen, dass diese Patentrezepte alternativlos seien und der Allgemeinheit langfristig helfen würden.

Grundvoraussetzung für eine echte Wende wäre also ganz offensichtlich eine wesentliche

Erhöhung des allgemeinen Bildungsstandes
in Bezug auf zukunftsfähige und nachhaltige Entwicklung

Bildung in diesem Sinne wäre nicht allein ein intellektuelles Thema, sondern beträfe auch den Charakter, die Kultur, das Herz und die Moral der Menschen und müsste unter anderem umfassen:

  • Respekt gegenüber den natürlichen Grundlagen unseres menschlichen Lebens
  • Einsicht in die Begrenztheit dieser Erde
  • Verstehen der bei uns wirksamen wirtschaftlichen Mechanismen – inwieweit sie uns nützen, wo sie uns schädigen, wie wir sie ggfs. anpassen und gemeinnützig machen können

Das Problem dabei war und ist natürlich: Bildungsarbeit im obigen Sinn erreicht, selbst wenn es gut läuft, nur einen kleinen Teil der Bevölkerung und erfordert einen Zeitraum von Generationen. Und wenn die Umfeldbedingungen schlecht sind, in Not und Chaos, gedeiht nicht Bildung, sondern eher der Kampf jeder gegen jeden. Das können wir weltweit beobachten, und diese Probleme von Unbildung, Unkultur, Ungerechtigkeit und Un-Solidarität rücken immer näher oder sind teilweise schon mitten in unserer Gesellschaft.

Trotzdem – hier ein praktisches Beispiel zur Umsetzung, das vielleicht doch ein wenig Hoffnung machen könnte: die „CLUB OF ROME – Schulen“.

Der „Club of Rome“ hat ja übrigens schon sehr frühzeitig darauf aufmerksam gemacht, dass nachhaltige Entwicklung weniger ein technokratisches Problem ist, sondern mehr ein Bildungsproblem (s. z.B. Mesarovic, Pestel: Menschheit am Wendepunkt. 2. Bericht an d. Club of Rome zur Weltlage. DVA Stuttgart, 1974).

Nachfolgend ein Zitat aus der Selbstvorstellung einer solchen CLUB OF ROME – Schule (Hervorhebungen durch die Redaktion von www.esslingen-adieu.de):

„CLUB OF ROME – Schulen wecken das Verständnis für die Einbindung aller Menschen in eine globale Verantwortungsgemeinschaft. Es gilt, die Welt in ihrer systemischen Vernetzung von Mensch und Natur zu erkennen, sowie die Sphären lokaler bzw. regionaler kultureller Identität mit dem Verständnis globaler Weltbürgerschaft zu verbinden. CLUB OF ROME – Schulen streben nach der Verbindung beruflich-fachlicher Qualifikation mit der Fähigkeit zu umfassendem ganzheitlichem Denken und verantwortlichem Handeln. Im Mittelpunkt steht die Förderung der individuellen intellektuellen, musischen, lebenspraktischen wie auch moralischen Potenziale, verbunden mit der Befähigung zu lebenslangem Lernen und gesunder Lebensführung – beides ist von wachsender Bedeutung in einer älter werdenden Gesellschaft.

Bildung und Erziehung sind somit gerichtet auf die Förderung vielfältiger Qualifikationen und die Bereitschaft,

die Schätze dieser Erde für die kommenden Generationen zu erhalten,
zur Ehrfurcht vor dem Leben,
• zur Lösung der globalen Probleme im Miteinander der Völker beizutragen,
• sich für die Stärkung internationaler Organisationen einzusetzen,
• die Vielheit und Vielfalt der Kulturen zu achten,
• zum Handeln im Sinne globaler Solidarität und Gerechtigkeit ,
• für die eigenen Überzeugungen einzustehen und sich mit demokratisch-
   politischem Engagement in der Bürgergesellschaft einzusetzen.“

[Quelle: http://www.wilhelm-gymnasium.de/uber-uns/club-of-rome/, Link zuletzt besucht am 12.06.2016]

Zugegeben – diese Abhängigkeit unserer politischen, wirtschaftlichen, sozialen und ökologischen Entwicklung von der Bildungsfrage macht einen Paradigmenwechsel in Richtung Nachhaltigkeit in der erforderlichen Geschwindigkeit unwahrscheinlich.

 

Die wichtigsten drei Ebenen eines solchen Paradigmenwechsels sollen nachfolgend trotzdem einmal aufgezählt werden:

 

Ein hoher Bildungsstand der Bevölkerung in Bezug auf zukunftsfähige und nachhaltige Entwicklung könnte in Zukunft eventuell ermöglichen:

1) Demokratische Mehrheiten für klare Rahmensetzungen durch Bund und Länder gegen den fortwährenden Flächenverbrauch

Hierzu gibt es zwar auf übergeordneter Ebene viele Einsichten, viele Studien und viele bedrückende Fakten – hier nur zwei Beispiele:

„Während der letzten 60 Jahre hat sich die Siedlungs- und Verkehrsfläche in Deutschland mehr als verdoppelt. Im Jahr 2014 wurde täglich eine Fläche von 69 Hektar neu ausgewiesen – meist zulasten der Landwirtschaft und fruchtbarer Böden. Das entspricht etwa der Größe von ca. 100 Fußballfeldern.“

[Quelle: Mitteilung des Umweltbundesamts vom 27.01.2016, Download von https://www.umweltbundesamt.de/themen/boden-landwirtschaft/flaechensparen-boeden-landschaften-erhalten am 13.06.16]

„In den Jahren 2013 und 2014 nahm die Siedlungs- und Verkehrsfläche in Baden‑Württemberg um zusammen 3 841 Hektar oder 0,8 Prozent zu“. Dies entspricht rund 5 490 Fußballfeldern (100 m x 70 m). Die Flächeninanspruchnahme für Baumaßnahmen in den Bereichen Wohnen, Gewerbe und Industrie sowie Straßen liegt somit rechnerisch bei 5,3 Hektar, also knapp 8 Fußballfeldern pro Tag, wegen Problemen bei der Datenerhebung aber vermutlich noch darüber.

[Quelle: Mitteilung des Statistisches Landesamts Baden-Württemberg vom 06.08.15, Download von https://www.statistik-bw.de/Presse/Pressemitteilungen/2015207.pm am 13.06.16]

 

Aber gemündet hat das alles bisher nur in häufig wiederholten Mäßigungsappellen und außerdem in Gummi-Paragraphen, wie z.B. § 1 BauGB (mehr dazu weiter unten).

„Gemacht“ wird der Flächenverbrauch dagegen ganz überwiegend auf der Ebene der Städte und Gemeinden. Und deren „kommunale Planungshoheit“ ist ein ganz zentrales Element unserer politischen Ordnung. Sie wurde ursprünglich aus guten Gründen eingeführt und könnte, verantwortlich gehandhabt, auch weiterhin ein wichtiges Instrument der bürgernahen Demokratie sein. Aber vielerorts haben Kommunalpolitiker sie dazu eingesetzt, kurzfristige und rein örtliche Interessen direkt zu bedienen sowie insbesondere einen raschen Ausverkauf der Gemarkung zu organisieren – das alles weitgehend ungebremst von interkommunaler oder gar überregionaler Koordination, und ohne Rücksicht auf eine Verantwortlichkeit, die spätestens seit der Rio-Konferenz von 1992 und der vielbeschworenen „Agenda 21“ in aller Bewusstsein sein sollte: „Global denken – lokal handeln“.

So konnte sich unter dem Banner der kommunalen Planungshoheit zum Teil eine blinde Konkurrenz um Investorenkapital, Einwohnerschaft (und die damit verbundenen Steuer-Zuweisungen), Gewerbesteuerzahler und Arbeitsplätze entwickeln – Standort gegen Standort, und wer zuerst bremst inmitten dieser Spirale von Wachstum und Ausverkauf, der hat verloren. Man kann deshalb den Verantwortlichen nicht einmal richtig  böse sein – viele Städte, darunter auch Esslingen, sind mittlerweile gefangen in diesem selbstzerstörerischen Wettlauf. Daraus wird man aus eigener Einsicht und Kraft, d.h. auf dem Weg vernünftiger Selbstbeschränkung, kaum mehr herauskommen, zu groß sind die „Sachzwänge“ geworden – bzw. die Abhängigkeit von den Drogen Wachstum und Naturverbrauch.

Somit wäre eine klare Rahmensetzung von übergeordneter Ebene, am besten koordiniert zwischen Bund und den Bundesländern, der einzige Ausweg. Und dafür braucht es, wie gesagt, die Einsicht und die nötigen Parlamentsmehrheiten.

Diese Rahmensetzung müsste folgende Elemente umfassen:

  • Sanierung, Erhalt, Umwandlung, Aufwertung und Nachnutzung des Baubestandes müssten klar vor naturverbrauchendem Neubau gehen – und zwar eben nicht nur als unverbindlicher (und wirkungsloser) Ratschlag so wie bisher schon, sondern erstmals als feste gesetzliche Vorgabe.
    Das würde der kommunalen Planungshoheit Grenzen setzen, was bei den bisher in der Kommunalpolitik Mächtigen sicherlich einen Aufschrei auslösen würde. Wenn diese Grenzen aber gleichermaßen für alle gelten würden, hätte niemand einen ungerechtfertigten Vorteil, womöglich würde sich die Situation bald wieder entspannen, und alle Seiten würden nach und nach den Nutzen erkennen.
  • Der Fluss des privaten Investitionskapitals, insoweit er in den öffentlichen Raum eingreift, müsste wieder politischen Vorgaben untergeordnet werden – die Maximierung der Investitionsrenditen könnte nicht mehr wie bisher das vorrangige Kriterium sein, dem sich indirekt auch die Stadtverwaltungen andienen müssen.
    Das scheint zunächst ein nicht durchsetzbarer Systembruch zu sein – aber wenn es für diejenigen Institutionen, die nach Anlagemöglichkeiten suchen, nicht mehr, so wie bisher, immer und immer wieder scheunentorgroße Schlupflöcher in Richtung „Neubau auf der grünen Wiese“ gibt, dann wird Sanierung, Erhalt, Umwandlung, Aufwertung und Nachnutzung des Baubestandes nicht nur notwendig, sondern auch rentabel sein. (Nicht vergessen: die europäischen Finanzmärkte wurden offiziell geflutet, Geld ist in der jetzigen Nullzins-Situation überreichlich da – die Frage ist nur, wohin es gelenkt wird).
  • Gerade auch wegen dieses dringend nach Anlagemöglichkeiten suchenden Kapitals müsste es in Bezug auf alle Formen des Naturverbrauchs verlässliche gesetzliche Beschränkungen geben. So müsste insbesondere der Flächenverbrauch massiv abgebremst und eine Obergrenze für die Siedlungs- und Verkehrsflächenanteile eingeführt werden – sonst strömt das bei manchen Akteuren überreichlich verfügbare Geld vor allem in zerstörerische Richtungen. Landwirtschaftliche Flächen und andere naturnahe Freiflächen müssten einen robusten Bestandsschutz erhalten, ähnlich wie beim Wald, und dürften nicht länger als „Flächenpool“ für das Siedlungswachstum hergenommen werden, so wie bis dato in Esslingen.
  • Ergänzend zu entsprechenden Ge- und Verboten müssten auch wirksame steuerliche Lenkungsmaßnahmen gegen weiteren Flächenverbrauch und zur Begünstigung von Sanierung, Erhalt, Umwandlung, Aufwertung und Nachnutzung des Bestandes etabliert werden.

 

Das war also die Ebene von Bund und Land. Ein hoher Bildungsstand der Bevölkerung in Bezug auf zukunftsfähige und nachhaltige Entwicklung könnte in Zukunft außerdem auf örtlicher Ebene eventuell ermöglichen:

2) Bestellung von solchen Menschen als Bürgermeister und Gemeinderäte, die den allfälligen Problemen der Kommunalpolitik (z.B. Finanzknappheit, Demographie) nicht mehr länger mit dem überholten Patentrezept „Verdichtung und Wachstum“ begegnen wollen, sondern mit zukunftsfähigeren Konzepten.

Unter diesen Voraussetzungen, also mit neuen politischen Mehrheiten und modern ausgebildeten Verwaltungsführern, könnten dann auf regionaler und überregionaler Ebene wieder langfristige Konzepte zur nachhaltigen Entwicklung der Kulturlandschaften und Siedlungsräume erstellt werden. Das hatte man übrigens in früheren, noch etwas menschlicheren und stärker heimatbewussten Zeiten mittels Planungsverbänden bereits versucht – bevor dann alles in wirtschaftsorientiertem „Standortdenken“ untergegangen ist, von den Kommunen bis hinauf zum „Verband Region Stuttgart“ (in dessen Regionalversammlung wiederum die Verwaltungschefs der Kommunen sitzen … ).

Wirklich nachhaltige Konzepte müssten auch wieder die Bewahrung ausreichend großer Naturflächen, u.a. als Grünzäsuren, umfassen – und zwar in ehrlicher und verlässlicher Weise, und nicht als heimliche Bauflächenreserven, so wie derzeit vom Esslinger Rathaus gehandhabt (wo man ja nicht einmal vor ausgewiesenen Landschaftsschutzgebieten Halt machen will!).

Aber man darf ja auch einmal träumen – man stelle sich also vor, auch die Esslinger Stadtoberen würden die Endlichkeit der Gemarkungsfläche und den bereits sehr hohen Bebauungsgrad doch einmal anerkennen und dementsprechend den überfälligen Verzicht auf weiteres Flächenwachstum verkünden – als verbindliche und verlässliche Handlungsgrundlage für alle Akteure in dieser Stadt. Sie würde daraufhin respektiert und behandelt werden als ausgewachsener, reifer Siedlungsraum. Man müsste nicht jeden Tag beim Aufschlagen der Zeitung damit rechnen, schon wieder auf die Ankündigung der nächsten Etappe des Flächenverbrauchs zu stoßen!

Natürlich wären diverse Akteure davon wiederum zutiefst geschockt – aber bald schon würden sie wohl die Chance wittern, in einem durch diese Wachstumsbeschränkung aufgewerteten Esslingen in Sanierungs-, Erneuerungs- und Umbauprojekte zu investieren und auch dabei wieder gute Renditen zu machen.

Die Eigentümer der da und dort vorhandenen ärgerlichen Schrottimmobilien, z.B. in Teilen der Altstadt, in der Pliensauvorstadt und in Mettingen würden von Investoren in den Blick genommen werden und von Monat zu Monat immer bessere Kaufangebote bekommen.

Das reichlich vorhandene Anlage-Kapital könnte nicht mehr weiter in „billigen“ Naturverbrauch, sondern müsste in den höherwertigen Sektor Sanierung, Erhalt, Umwandlung, Aufwertung und  Nachnutzung des Baubestandes fließen. Nach und nach würde Esslingen nachhaltig schöner werden!

Und die für soziale Zwecke notwendige Anzahl von zusätzlichen Wohnungen könnte auf diese Weise sogar schneller erreicht werden als durch langwierige Neubauprojekte im Außenbereich!

Spekulationen auf hohe Gewinne aus der weiteren Vernutzung der Gemarkung wären dadurch zwar beschnitten, aber andererseits wäre die Perspektive einer langfristig soliden, „nachhaltigen“ Entwicklung der Stadt für seriöse, standorttreue Investoren sicher attraktiv. Eine solche Perspektive könnte somit von der Bevölkerung verstanden und mitgetragen werden, die Identifikation der Bürgerschaft mit „ihrer“ Stadt und „ihrer“ Stadtverwaltung wäre wesentlich besser als jetzt, wo als Folge der aggressiven „Neuen Baupolitik“ ein tiefer Riss durch die Einwohnerschaft geht.

Interessanterweise hat der „Leitbildprozess“ der Stadt Esslingen im Zusammenhang mit dem Flächennutzungsplan 2030, nach intensiver und kostenträchtiger Beteiligung von Fachleuten und der Bürgerschaft, genau solche Zielsetzungen erbracht wie oben erwähnt, s. z.B. der Landschafts- und Umweltplan-Vorentwurf vom 19.10.2012 [Download-Link: http://www.esslingen.de/site/Esslingen-Internet/get/params_E-623519508/2832406/Vorentwurf_LUP_2012_10_19.pdf, zuletzt besucht am 13.06.2016 ]. Auf diese trotz aller Kompromissformeln recht gehaltvolle Quelle hat Dr.agr. Diehl bei seinem Vortrag bei den Esslinger Gärtnern und Landwirten am 09. Juni 2016 dankenswerterweise wieder einmal aufmerksam gemacht. Auf der Seite 111 dieses Vorentwurfes kann man z.B. lesen:

„… Dabei ist die Sicherung und Weiterentwicklung von Freiräumen und Landschaftsräumen in der Stadt, im Stadtumfeld und in den Höhenlagen gleichermaßen zu betrachten. Innerstädtische Grün- und Parkanlagen sollen weiterentwickelt sowie Spiel- und Bewegungsräume für alle Alters- und Bevölkerungsgruppen bereit gestellt werden.“

Aber für das Esslinger Rathaus gilt ja leider in ganz besonderer Weise: „Papier ist geduldig“ – vernünftige und naheliegende Leitlinien aufschreiben zu lassen, kostet zwar einiges, aber verpflichtet zu nichts! Die aktuelle Taktik des Rathauses sieht nun bekanntlich vor, dass man abseits von Leitbildern und einem davon abzuleitenden, formell festgestellten Flächennutzungsplan in einzelnen Etappen immer wieder neu drauflosbaut – vielleicht deswegen, weil so zunächst kein langfristiges, gemarkungsweites Gesamtkonzept sichtbar wird und Widerstände aus der Bürgerschaft sich demzufolge nicht bündeln können?!

Wie schön wäre es demgegenüber, wenn man eine Verwaltung und einen Gemeinderat hätte, der aufwändig erarbeitete Leitlinien wie die oben zitierte als Auftrag ernstnimmt und verlässlich umsetzt!

Insgesamt könnten solche Entwicklungen dann vielleicht der Einstieg in ein wirklich zukunftsfähiges „Win-Win“-Konzept bedeuten – bei dem nicht wie bisher die Gewinne aus Verdichtung und Wachstum für die einen sich aus Naturverbrauch und dem Heimatverlust der anderen speisen. (Von der Vision eines solchen „Win-Win“-Konzepts hatte auch Prof. Schröder bei seinem Vortrag bei den Esslinger Gärtnern und Landwirten am 09. Juni 2016 gesprochen).

Könnten auf diese Weise zukünftige Zeiten auch bei uns wieder etwas „normaler“ als die heutigen werden, so dass nicht mehr fortwährende Beschleunigung, Verdichtung und Wachstum (in die absehbare Sackgasse hinein!) der alltägliche Grundzustand wären?

[Vielleicht haben Sie ein solches entspannendes Gefühl von „Normalität“ im Urlaub einmal erlebt, sagen wir in Bayern, in Österreich oder der Schweiz, also einfach irgendwo dort, wo man noch nicht dem Glauben verfallen ist, dass jedes Jahr alles um ein paar Prozent wachsen müsse, damit man nicht hinter der bedrohlichen und leider ständig aktiven Konkurrenz zurückfällt … ?!]

 

So viel zur kommunalen Ebene. Es fehlt jedoch noch ein wichtiges Element auf Bundes- und Landesebene. Auch hierbei wiederum könnte nur ein hoher Bildungsstand der Bevölkerung in Bezug auf zukunftsfähige und nachhaltige Entwicklung die notwendigen demokratischen Mehrheiten schaffen für Folgendes:

3) Die Verwaltungsgerichtsbarkeit müsste die Einhaltung der gesetzlichen Vorgaben für die Raumordnung auch wirkungsvoll überwachen und Verstöße ahnden können.

Derzeit ist das in Deutschland nicht gegeben. Im Bereich der Raumordnung und des Baurechtes sind grundlegende rechtsstaatliche Normen nicht erfüllt. Die Einhaltung von Baugesetzbuch, Landesbauordnungen und Bebauungsplänen (kommunalen Satzungen) ist für Stadtverwaltungen weitgehend nur eine moralische Verpflichtung, für Verstöße sind i.d.R. keine Strafen festgesetzt, außerdem hat die Bürgerschaft diesbezüglich i.d.R. kein Klagerecht. (Weitere Betrachtungen zu diesem ganz besonders wichtigen Punkt werden auf dieser Internetseite später noch unter einem separaten Punkt angestellt.)

Hier nur vorab ein erstes Beispiel aus dem Bundesbaugesetz (BauGB § 1 (5), Hervorhebungen durch die Redaktion von www.esslingen-adieu.de):

„Die Bauleitpläne [Flächennutzungspläne, Bebauungspläne] sollen eine nachhaltige städtebauliche Entwicklung, die die sozialen, wirtschaftlichen und umweltschützenden Anforderungen auch in Verantwortung gegenüber künftigen Generationen miteinander in Einklang bringt, und eine dem Wohl der Allgemeinheit dienende sozialgerechte Bodennutzung gewährleisten. Sie sollen dazu beitragen, eine menschenwürdige Umwelt zu sichern, die natürlichen Lebensgrundlagen zu schützen und zu entwickeln sowie den Klimaschutz und die Klimaanpassung, insbesondere auch in der Stadtentwicklung, zu fördern, sowie die städtebauliche Gestalt und das Orts- und Landschaftsbild baukulturell zu erhalten und zu entwickeln. Hierzu soll die städtebauliche Entwicklung vorrangig durch Maßnahmen der Innenentwicklung erfolgen.“

Das alles klingt natürlich sehr gut und wird deshalb von den Kommunalpolitikern in ihren Sonntagsreden auch verbal unterstützt. Im harten politischen Alltag und vor allem in der Konkurrenz zu Nachbargemeinden um die Steuerkraft gilt das alles dann zwar noch als „nice to have“ – bloß leider aus den und den aktuellen Gründen als nicht realisierbar: die Kosten, der Haushalt, die Sozialfälle, die Flüchtlinge … !

Speziell in Esslingen man hat sich schon seit 1998 von diesen Vorgaben des BauGB mehr und mehr entfernt. Teilweise greift man sie nur noch verbal und pro forma auf, teilweise handelt man aber auch explizit entgegen. Aber wer könnte Abwägungsfehler und Verstöße zur Anklage bringen?  Insofern bringt das BauGB zwar für für die Bürgerschaft eine große Zahl konkreter Vorschriften (viele können ein Lied davon singen!), bis hin zu den Fragen der Enteignung – aber auf der Ebene von Bürgermeistern und Gemeinderäten wird es weitgehend als ein unverbindliches Leitbild angesehen, nicht nur bei „Gummi-Paragraphen“ wie dem oben zitierten § 1, sondern sogar bei ganz eindeutigen Vorgaben wie z.B. § 31 BauGB – ohne dass man deswegen irgendwelche Sanktionen befürchten müsste.