Die Drogen „Wachstum“ und „Konzentration“
– und die zerstörerischen Folgen

Über das Wachstum, seinen Segen und seine zerstörerische Wirkung, ist seit Anbeginn der Menschheit bereits nachgedacht und sehr viel Kluges aufgeschrieben worden. Das soll hier nicht alles rekapituliert werden. Nur so viel, in direktem Bezug auf unser Thema Flächenfraß:

Der permanente Wachstumsdruck auf die Ballungszentren ist weder ein Naturgesetz noch eine Folge einzelner Schicksalsschläge wie z.B. der Flüchtlingsproblematik. Er ist vielmehr eine Folge unseres gegenwärtigen Geld- und Wirtschaftssystems und zugleich das hoch profitable Geschäftsmodell bestimmter Akteure des Wirtschaftslebens.

„Wirtschaft“, nach unserem derzeitigen System, lebt eben nicht von urmenschlichen Tugenden wie Bescheidenheit und Erhaltung dessen, was man hat. Unsere jetzige Art von „Wirtschaft“ lebt, zumindest viel besser, von Verschwendung und Zerstörung. (Bekanntlich steigern ja zum Beispiel Autounfälle das Wirtschaftswachstum ganz direkt. Das kann gehen bis hin zum Krieg als eine besonders obszöne Art, Wirtschaftswachstum zu generieren).

Bei uns ist die Konzentration von Siedlungs- und Wirtschaftsstrukturen, die wir seit einigen Jahren zunehmend leidvoll erleben, ein Beispiel für Wirtschaftswachstum durch Verschwendung und Zerstörung: an vielen Stellen in Deutschland, Europa und der Welt werden Arbeitsplätze, Infrastruktur und Wohnraum aktiv abgebaut oder man gibt das einfach auf und lässt zu, dass es verfällt. Immer mehr Menschen haben dann keine Perspektiven mehr und müssen wegziehen, werden somit durch äußeren Zwang zu Wirtschaftsflüchtlingen und drängen in die Ballungszentren.

„Urbanisierung“ nennt man das vornehm, und mit diesem Begriff versucht speziell die Esslinger Stadtverwaltung zu suggerieren, dass das eine hochmoderne, gute und vor allem zwangsläufige Entwicklung sei. Und will das durch die immer weitergehende Bereitstellung von Neubauflächen auf hiesiger Gemarkung gerne noch zusätzlich anheizen (jetzt aktuell wieder zusätzliche 32 Hektar im Rahmen des neuen Flächennutzungsplans), um davon „profitieren“ zu können, so gut es geht und so lange es noch geht.

Aber allein in Deutschland stehen als Folge dieser unglückseligen Entwicklung bereits zwei Millionen Wohnungen leer, Tendenz steigend (Näheres dazu siehe z.B. hier: Süddt. Ztg. vom 19.09.16 und Focus.de vom 01.01.16). Hier gehen also Strukturen und Vermögen im ganz großen Maßstab verloren, zum größten Teil irreparabel!

Auf der anderen Seite wird in den Ballungszentren sehr viel Geld investiert, sehr viel an Produktionskapazitäten, Infrastruktur und Wohnraum neu gebaut, sehr viel Zuzug angelockt. Das führt natürlich zunächst einmal zu Wohnungsknappheit und steigenden Preisen fürs Wohnen. In der Folge können die Profiteure dieser Wanderungswelle unter  sehr sozial klingenden Überschriften wie „Grundrecht auf Wohnen“ und „Bezahlbares Wohnen“ noch mehr Flächenverbrauch und noch mehr Wohnungsbau durchsetzen – was aber in der jetzigen Marktsituation einfach noch mehr Zuzug bedeutet und daher keineswegs die Preise drückt, sondern den ganzen Teufelskreis sogar noch weiter antreibt. Die Anzeichen mehren sich, dass auch diese Immobilienblase irgendwann platzen wird – großes Leid und große Schäden hinterlassend. Aber weiterhin werden für dieses eskalierende Wachstum in ganz großem Umfang Agrarflächen und andere Lebensgrundlagen und Möglichkeiten für eine nachhaltige Entwicklung geopfert, auch Gesundheit und Lebensqualität der Menschen leiden in den immer höher verdichteten Strukturen.

Massive, für immer bleibende Zerstörung also auf beiden Seiten – aber unser längst dysfunktional gewordenes Finanzsystem fordert trotzdem diesen Mechanismus von Wachstum und Konzentration heraus, geschickt vorgehende Akteure verdienen sehr viel Geld damit, und die Politiker der in Konkurrenz stehenden Boom-Kommunen heizen die weitere Zuspitzung an durch die Bereitstellung immer neuer Bauflächen – in der Hoffnung auf finanziellen und strukturellen Gewinn durch Zuzug von Gewerbe und Wohnbevölkerung.

Dieses Wachstum der Boom-Kommunen bedeutet aber, wenn man den Wirkungsketten nur genügend weit nachgeht, in der Regel „Wachstum auf Kosten von anderen“. Abwanderung aus anderen Regionen und der Niedergang ganzer Teile Deutschlands, Europas und der Welt sind die hässliche Kehrseite dieses Wachstums in den Metropolen.

Trotzdem ist dieses Wachstum wie eine Droge. Solange es anhält, braucht nicht ernsthaft gespart zu werden und der gesellschaftliche Druck in Richtung Verteilungsgerechtigkeit bleibt begrenzt. Wenn wir ehrlich sind, hofft oder setzt auch jeder von uns an der einen oder anderen Stelle immer mal wieder auf Wachstum. Abgesehen vom erhofften Plus auf der Verdienstbescheinigung – hier noch ein Baumarkt wäre gut, hier noch ein paar zusätzliche Parkplätze, hier noch eine Sporthalle, dort noch eine Entlastungsstraße.

Aber letztlich bleibt es bei der banalen Erkenntnis:

In der realen Welt kann nicht alles andauernd wachsen,

auch wenn dieser selbstzerstörerische Glaube mittlerweile, in einem 1970er-Retro-Stil, wieder allgemein akzeptiert ist, so dass manche in ihren abstrakten zivilisatorischen Welten lebende Börsenhändler, Manager, Stadtpolitiker und Medienredakteure sich das doch so vorstellen.

Auf lange Sicht wird aber die starre Programmierung auf Wachstum und den Verbrauch von Natur-Ressourcen

dazu führen, dass wir alle (!) massiv verlieren,

weil nämlich unser Lebensumfeld schleichend zerfällt,

sozial, kulturell, ökonomisch und ökologisch.

Viele reden sich ein, das sei nur eine ungewisse (oder gar schwarzmalerische) Zukunftskulisse. Aber obwohl wir es immer wieder gern verdrängen – teilweise sind wir auch hier in Esslingen schon mittendrin in diesem Kollaps, wenn man z.B. (in willkürlicher Aufzählung einiger Einzelpunkte) denkt

  • an den Rückgang beim biologischem Artenreichtum in unserer direkten Umgebung,
  • an den unwiederbringlichen Verlust an fruchtbarem Mutterboden
  • an die steigenden Abhängigkeiten bei Wasser, Luft, Energie und Lebensmitteln, was nämlich alles aus großen Entfernungen in die Stadt gebracht werden muss, damit unser naturfernes Leben weitergehen kann
  • an den Verlust der elementaren menschlichen Erlebnismöglichkeiten „Stille“ und „Nacht“ in immer größeren Teilen unserer Gemarkung
  • an die massenhafte Ausbreitung von Krebs bei den Menschen
  • an den regelmäßigen Verkehrskollaps auf den Straßen unserer Region
  • an die schlechte Luftqualität an vielen Stellen im Neckartal
  • an den Dauerstress der Bevölkerung durch Dichte, Lärm und unnatürliche Stadthitze
  • an die soziale und kulturelle Verwahrlosung in immer größeren Teilen der Stadt (man denke nur an die Müllkippen „Bahnhof“ und „Fußgängerzone“ – direkte Folgen von Verdichtung und anonymer Vermassung)
  • ….

Das Zauberwort, dem wir uns zuwenden sollten, bevor uns das alles ganz überrollt, heißt neudeutsch

„Suffizienz“ .

Gemeint ist damit ganz einfach, dass wir auf allen Ebenen des Lebens lernen sollten, mit dem auszukommen, was wir haben. Für viele Privatleute ist das ja immer schon eine Notwendigkeit und Selbstverständlichkeit. Wenn es uns nach einer zusätzlichen Garage ist, dann können wir dafür nicht einfach die Wiese des Nachbarn beanspruchen. Aber auf höherer Ebene, für ganze Kommunen so wie Esslingen, hat das bisher nicht gegolten: die Gemarkungsfläche wird als Selbstbedienungsladen angesehen, und von Jahr zu Jahr wird immer mehr Fläche weggenommen, verkauft und umgenutzt. So hat die derzeitige Verwaltungsspitze im Esslinger Rathaus auch keine Skrupel, Grünzäsuren, Biotope und bäuerliche Betriebe einfach plattzumachen – und der Vorentwurf zum neuen Flächennutzungsplan ist der nächste große Schritt in dieser Richtung.

Suffizienz hieße dagegen, auf Esslingen bezogen:

In Zukunft auskommen mit den 1954 Hektar Siedlungs- und Verkehrsfläche,
die wir (Stand 2015) schon hatten!

Und sich nicht auf Kosten von Sportflächen und Erholungsgebieten,
von Landwirtschaft und Natur immer weiter ausbreiten!

Übrigens – Ende 2000, zu Beginn der „Neuen Baupolitik“ unter OB Zieger und Bürgermeister Wallbrecht, war die Siedlungs- und Verkehrsfläche mit 1851 Hektar noch um 103 Hektar geringer als Ende 2015 (Quelle: Statistisches Landesamt, Abruf 18.03.2017).
103 Hektar bzw. 5,6 % Zuwachs in nur 15 Jahren! Und der Vorentwurf zum neuen Flächennutzungsplan sieht schon wieder weitere 32 Hektar für die nächsten 10 Jahre vor.
Ganz offensichtlich kann das nicht ewig so weitergehen – aber die anstehende Rückbesinnung auf einen suffizienten Lebens-, Wirtschafts- und Politikstil hätte eine, bei der derzeit vorherrschenden Denke, nur schwer vermittelbare Konsequenz:

Eine zukunftsfähige, auf Suffizienz gestützte und zielende Politik würde erfordern, dass wir das Gemeingut „Boden“ gerecht und zum Wohle der Menschen nutzen!

Eine solche Gestaltung zu organisieren, anstatt Flächenverkauf und Zubau hauptsächlich als Finanzinstrument zur Sanierung des städtischen Haushaltes einzusetzen und dabei gegenüber bestimmten Interessengruppen immer wieder „den billigen Jakob zu machen“, wäre somit auch eine anspruchsvolle und lohnende Aufgabe der Kommunalpolitik.

Damit zum Beispiel Bedürftigen und Flüchtlingen zu den ihnen zustehenden Wohnungen verholfen werden kann, müsste man tatsächlich die Prioritäten in der Weiterentwicklung des Siedlungsbestandes und bei der Nutzung von Konversionsflächen anders setzen als bisher. Es ist aber verständlich, dass solche Gedanken in der Esslinger Immobilienwelt und bei den bisher in vielfacher Weise bevorzugten Rendite-Investoren auf Missfallen stoßen, und dass sie und die mit ihnen verbundenen Medien die Kommunalpolitik in Richtung „Immer weiteres Wachstum und Verdichtung“ zu beeinflussen versuchen.