Greut-Bebauung – der Dammbruch!

Aktuelle Einschübe:

In seiner Sitzung am 08.03.2017 hat der Ausschuss für Technik und Umwelt des Gemeinderates Esslingen kritische Nachfragen zu einem der Klimagutachten behandelt, mit denen die Stadtverwaltung im Sommer 2016 die Bebauung der Frischluftschneise im Greut für unbedenklich erklären wollte.

Dazu hatte es ja aus der Fachwelt Kritik, gehagelt, s.u.a. hier:

http://www.esslingen-adieu.de/170118-info-veranstaltung-stadtklima-esslingen/

http://aktion.familyds.com/joomla/downloads/Pressemitteilung_Info3_ProfKatzschner_final.pdf

http://aktion.familyds.com/joomla/downloads/170118_Handout_final

http://www.esslingen-adieu.de/neue-baugebiete-durch-neue-gutachten/ 

http://www.esslingen-adieu.de/downloads/

Der wesentliche Kritikpunkt, den Prof. Dr. Lutz Katzschner, führender Experte für Stadtklimatologie in Deutschland, langjähriges Mitglied im Beirat des VDI-Fachbereichs „Umweltmeteorologie“ und seit 2016 Träger der VDI-Ehrenplakette, zu den Gutachten der Esslinger Stadtverwaltung im Januar 2017 vorgebracht hatte:

Man kann nicht, so wie es jetzt die Stadtverwaltung beim Greut-Bebauungsplanverfahren durchsetzen will, über die Bebauung von Frischluftschneisen für eine ganze Stadt entscheiden auf der Basis einzelner Klein-Klein-Gutachten, die sich jeweils nur auf eine Fläche von wenigen Hektar beziehen. Dabei werden vom Prinzip her immer nur relativ kleine Zusatzverschlechterungen herauskommen. Das ist dann zwar sehr hilfreich im Sinne der Baulobby – aber dass die Belüftung der Stadt insgesamt längst unzureichend ist, so dass die Gesundheit der betroffenen Bevölkerung direkt geschädigt wird, bleibt dabei jedes Mal unter dem Teppich. (Aus diesem Grund wurde inzwischen auch eine der VDI-Richtlinien, auf die sich das Ökoplana-Gutachten der Stadtverwaltung noch stützt, mittlerweile zurückgezogen).

Notwendig wäre also, als Vorbedingung für jede weitere baupolitische Entscheidung, eine umfassende Erhebung zur klimatischen Gesamtsituation dieser Stadt und wie sie sich gegen die Zusatzbelastungen durch den Klimawandel wappnen kann. Aber dabei würde voraussichtlich kein Freibrief für beliebigen weiteren Zubau herauskommen, sondern sogar im Gegenteil, dass Strömungshindernisse in Frischluftschneisen beseitigt und Flächen entsiegelt werden müssen (genau wie bereits im Dezember 2016 beim Forschungsprojekt  „KARS – Klimaanpassung Region Stuttgart“).

Die Stadtverwaltung, vertreten durch Herrn Fluhrer vom Stadtplanungsamt, zeigt sich erwartungsgemäß von all dem weiterhin völlig ungerührt (zitiert nach Esslinger Zeitung vom 09.03.2017): Die Bebauung der Fläche habe, jedenfalls diesem speziell beauftragten Ökoplana-Gutachten nach, keine „wirksamen“ Auswirkungen auf die Altstadt . Klare politische Schlussfolgerung: Das Greut ist bebaubar! Mit Auflagen, dazu erklärt man sich bereit, und solche sind ja auch im Ökoplana-Gutachten bereits genannt, allerdings ohne konkrete Angaben zu ihrer Wirksamkeit – z.B.: „Helle Fassadenfarben“ für die Gebäuderiegel.

In seiner Sitzung am 29.03.2017 hat der Ausschuss für Technik und Umwelt des Gemeinderates Esslingen mit den Stimmen von CDU, SPD, Freien Wählern und FDP beschlossen, nun konkret loszulegen und entsprechende Planungsentwürfe in Auftrag zu geben – für die Überbauung der bislang noch Frischluft-spendenden Greut-Wiesen mit bis zu 106 Wohnungen.

Wie die Stadträtin Heidi Bär ausführte, soll die Immobilienfirma ibw dort vor allem wegen des „sozialen Aspekts“ die Möglichkeit erhalten, entgegen allen ökologischen und klimatologischen Bedenken Wohnungen zu erbauen.

Ein interfraktioneller Antrag von CDU, SPD und Freien Wählern hatte zuvor immerhin noch zwei Forderungen für die weiteren Planungen gestellt: 1.) Die jetzt anzufordernden Planungsentwürfe sollen bezüglich der Klimaauswirkungen bestimmte „Ausschlusskriterien“ berücksichtigen (was immer das auch konkret sein mag?!). Und 2.) soll auch ein Klimatologe in das Preisgericht berufen werden, welches über die jetzt in Auftrag gegebenen acht Planungsentwürfe später entscheiden wird.

Aber das alles ist eine Mogelpackung, die ökologische und Klima-Sensibilität nur vortäuscht, eine ökologisch-klimatologische und insgesamt nachhaltige Gesamtplanung im Rahmen des aktuellen FNP 2030-Verfahrens aber unterläuft – und stattdessen schnell noch die stadtplanerisch vollkommen unnötige und Esslingens Einwohner zusätzlich belastende Greut-Bebauung ermöglicht!!  Fakt ist nämlich,

* dass für das hoch belastete Esslingen weiterhin keine Klima-Gesamtuntersuchung vorliegt, wie vom VDI gefordert, so dass gar keine seriöse Beurteilung und Zukunftsplanung möglich ist, siehe weiter auf dieser Seite oben oder z.B. hier. Für irgendwelche „Ausschlusskriterien“ oder für eine klimatologische Stellungnahme eines Bebauungsplan-Preisrichters gibt es also keinerlei ernstzunehmende Grundlage – das wird also irgendwie aus dem Bauch heraus gemacht werden.

* Aber Fakt ist vor allem auch, dass für den von der Stadtverwaltung bis 2030 gewünschten Einwohnerzuwachs um 3.200 weder die Flächen im Greut noch sonst irgendwelche Außenbereichsflächen gebraucht werden (Nachrechnung mit den eigenen Daten der Stadtverwaltung siehe hier)!

In einem Offenen Brief des Vereins Lebenswertes Esslingen zu diesem interfraktionellen Antrag finden sich noch weitere massive Kritikpunkte an dieser sich verschärfenden Symbolpolitik von CDU, SPD, Freien Wählern und FDP in Sachen „Nachhaltigkeit“: Gesundheitsvorsorge und Klimaschutz predigen – aber gleichzeitig ungerührt die Überbauung weiterer klimasensibler Teile der Gemarkung in der Halbhöhenlage vorantreiben.     

Und tatsächlich – man kann sich das alles auch sehr einfach machen:

„Die Luft in der Innenstadt kann unter der Bebauung der Frischluftschneise Greut nicht leiden, weil schon heute kaum Frischluft dort ankommt“.

Wer das sagt? Bebauungsbefürworter und FDP-Gemeinderat Ulrich Fehrlen, im Namen seiner FDP-Fraktion, zitiert nach Esslinger Zeitung vom 07.03.2017. Ein fast schon heroischer Standpunkt: wer aus seinen Überzeugungen oder Interessen heraus unbedingt will, dass Wachstum und Verdichtung ständig weitergehen, muss zu den Menschen in den Esslinger Tallagen und ggfs. auch zu sich selbst hart sein können!

Aber für diejenigen, die nicht bedingungslos alles der Ideologie des permanenten Wachstums unterordnen wollen, sondern etwas tiefgründiger über die Zukunft dieser Stadt und über die Lebenssituation ihrer Einwohner nachdenken:

 

Greut-Bebauung – der Dammbruch!

Aktualisiert: 30.03.2017

Die Frage, ob sich auf den verbliebenen Freiflächen oberhalb des Neckartals auch in Zukunft noch genügend Frischluft bilden kann, und ob diese trotz bereits weit fortgeschrittener Verbauung noch ihren Weg in die Esslinger Tallagen von Metingen bis Zell finden wird, ist für die Menschen dort von ganz existenzieller Bedeutung.

Bereits vor vielen Jahren hatte man genau wegen dieser Problematik auf die Bebauung des Wiesen- und Sträucherbiotops im Gewann „Greut“ bewusst verzichtet – obwohl auf die Freiflächen in dieser 1A-Lage natürlich schon immer von den einschlägigen Bauinvestoren ein begehrliches Auge geworfen wurde.

Einige langjährige Greut-Anwohner erzählen die Abläufe folgendermaßen (hier in Stichworten wiedergegeben):

  • Vor ca. 30 Jahren hatte die Stadt von der geplanten großflächigen Überbauung durch den „Neue Heimat“-Konzern wieder Abstand nehmen müssen – Gutachten hatten die damit verbundenen Umweltschäden als zu belastend eingestuft.
  • Etwas später gab es dann den Plan, auf etwas verkleinerter Fläche ein Altenheim zu errichten. Das diesbezügliche Umweltverträglichkeitsgutachten (1988) war aber wiederum absolut negativ, das Projekt wurde aufgegeben – trotzdem wurde das Gebiet damals und später aber nie aus dem Flächennutzungsplan herausgenommen.
  • 1998 kommen BM Wallbrecht und OB Dr. Zieger ins Amt und verfolgen ab da ihre „Neue Baupolitik“. Umgehend wird eine erste große Welle von Neubaugebieten errichtet (u.a. Kastenäcker in Sulgries, Totenanger/Spitalwald in Rüdern, Hohewiesen, Rosselen in Oberesslingen, Egert in Zell).
  • 2005 kauft ein in Esslingen sehr aktiver und gut vernetzter Immobilienunternehmer große Flächenanteile des Greut-Gebietes. Über die Gründe wird gerätselt:
    Vielleicht wollte er einfach auch mal ein schönes Natur-Refugium sein eigen nennen – nicht immer nur Baugrundstücke, die schon bald unter Beton und Asphalt verschwinden würden?!
    Aber möglicherweise war es ganz anders, er wollte eigentlich bauen, wusste aber nicht von den bisherigen ablehnenden Beurteilungen und Entscheidungen zur Bebaubarkeit??
    Oder – vielleicht wusste er doch davon, wusste aber zugleich, dass diese ablehnenden Beurteilungen und Entscheidungen für ihn und für seine Investitionsvorhaben zu gegebener Zeit ganz ohne Bedeutung sein würden … ?!
    Wie gesagt, man rätselt allenthalben.
  • Jedenfalls – spätestens ab 2015 drängt OB Dr. Zieger ganz konkret darauf, dass die Naturflächen im Gewann Greut baldmöglichst einem verdichteten Neubaugebiet weichen sollen. Der Gemeinderat folgt dem unverzüglich nach, hauptsächlich mit dem Argument, anders könne den sozial Schwachen und den Flüchtlingen nicht geholfen werden.
  • Diesem Beschluss entsprechend legt die Stadtverwaltung 2016 neue kleinräumige „Gutachten“ zu einer Greut-Bebauung vor, die, obwohl auf alter Datenbasis, plötzlich zu völlig anderen Schlussfolgerungen kommen als die früheren: eine dichte Bebauung speziell des Greut sei problemlos möglich, sofern nur einige Schutzmaßnahmen ergriffen würden (z.B. heller Anstrich der Gebäuderiegel, zur Begrenzung der negativen Klimaauswirkungen ….). 

Die oben erwähnten Anwohner fragen sich nun erstens, wie diese ganze Geschichte verlaufen wäre, wenn die Stadt damals das für eine Bebauung bereits de facto ausgeschlossene Gebiet auch formal aus dem Flächennutzungsplan gestrichen hätte. Und sie fragen sich zweitens, ob der aktuelle Druck des Rathauses in Richtung Greut-Bebauung der gleiche wäre, wenn die Wiesenflächen des Greut heute noch in kleinteilig-familiärem Streubesitz wären, und nicht in der Hand eines Immo-Investors. Ja, solche Dinge fragt man sich eben so, aber wer kann das wissen …. ?

Klimatologisch ist dagegen vollkommen klar, dass es sich beim Gewann Greut um eine äußerst wertvolle Zone handelt, die für Frischluftbildung und -ableitung im Umfeld des engen Geiselbachtales unersetzlich ist. Durch Gutachten aus der Zeit vor der „Neuen Baupolitik“ des OB Dr. Zieger und BM Wallbrecht war das ausführlich dokumentiert worden.

Auch in dem von der Stadtverwaltung im Juni 2016 vorgelegten neuen Klimagutachten der Fa. Ökoplana steht ganz konkret, dass der für Esslingen-Mitte mit Abstand wichtigste Frischluftstrom durch das Geiselbachtal bereits jetzt weit schwächer ist als der Richtwert gemäß der bisherigen VDI 3787! Dieser gibt für „Gruppen von Einzelgebäuden und kleinere Siedlungen“ mindestens 10000 Kubikmeter pro Sekunde vor. Im unteren Geiselbachtal sind es aber schon heute, ohne die neue Bebauung des Greut, in der ersten Nachthälfte nur weniger als die Hälfte davon. Und das auch nur bei gleichmäßig guten Wetterbedingungen und idealisierenden Annahmen für die zugrundeliegende Simulationsrechnung.

Dabei ist die Esslinger Innenstadt aber doch wohl mehr als eine „kleinere Siedlung“?! Die Menschen, die dort wohnen oder arbeiten, haben also schon jetzt eine unzureichende Frischluftversorgung, leiden genau aus diesem Grund immer wieder unter sommerlicher Überhitzung der Straßenzüge und zeitweise hohen Schadstoffkonzentrationen. Und der Klimawandel wird die Situation in den kommenden Jahrzehnten noch massiv verschärfen.

Übrigens berichten Anwohner der Krummenackerstraße, dass man dort selbst und ganz direkt wahrnehmen kann, wie die Luft mit jeden hundert Metern, die man weiter nach unten kommt, wärmer und dicker wird. Besonders deutlich wird das etwa auf Höhe des Kauffmann-Areals. Ganz offensichtlich ist die Mächtigkeit der talwärtigen Luftbewegung schon heute viel zu gering, um dort, am Beginn der dichten Bebauung, noch eine ausreichende Eindringtiefe zu erzielen. Die Menschen, die unterhalb dieses Bereiches wohnen oder arbeiten, sind die Leidtragenden.

Eigentlich wäre die Konsequenz also völlig klar:
Keine weitere Bebauung von klimasensiblen Zonen an den Hängen und auf den Höhen!

(In Stuttgart zum Beispiel, in ähnlich klimasensibler Lage wie die Esslinger Innenstadt, gibt es schon seit Jahren einen Rahmenplan, der diese Vorgabe absichert).

Aber in dem Ökoplana-Gutachten werden zusätzlich noch einzelne Ergebnisse von Computersimulationen genannt, die zwar ebenfalls nur stark vereinfachende zweidimensionale Modelle als Basis haben, die aber trotzdem ultimativ beweisen sollen, dass die zusätzliche Schadwirkung einer Greut-Bebauung auf die Belüftungssituation der Innenstadt vernachlässigbar klein sei  („nur ein Prozent weniger Strömungsvolumen“ … ).

Leider sind weder die Simulationssoftware an sich noch die damit speziell für das Geiselbachtal errechneten Werte anhand von realistischen, aktuellen Wetterdatenreihen (für die verschiedenen Situationen eines Jahreslaufs) in irgendeiner Weise validiert. Das heißt auf gut Deutsch: die Rechenergebnisse sind im Wesentlichen Computerspielerei. Man kann sie glauben oder auch nicht.

Die „Gutachter“, Dipl.-Geogr. Achim Burst und Dr. Wolfgang Lähne von der Firma Ökoplana, schrecken trotzdem nicht vor folgender Behauptung zurück:

„Aus klima†kölogischer Sicht kann somit eine bauliche Inanspruchnahme des Planungsgebietes akzeptiert werden.“

(Wie gesagt – sie stellen dafür immerhin einige Zusatzforderungen auf, beispielsweise sollen die geplanten Wohnblöcke hell angestrichen werden, weil dann in dem Gebiet weniger Sonnenhitze absorbiert werde, im Vergleich zu dunkler Fassadengestaltung. Dabei wird allerdings ignoriert, dass die von den hellen Fassaden zurückgestrahlte Licht- und Wärmeenergie ja irgendwo hin muss, zum Beispiel wird sie dann zum Teil vom dunklen Asphalt der Wege und Straßen absorbiert werden, und letztlich wird die Siedlungsfläche dann eben doch aufgeheizt!)

Jedenfalls, wie nicht anders zu erwarten, stellen nun Herr Fluhrer vom Stadtplanungsamt und die für die Greut-Bebauung ebenfalls sehr engagierte „Esslinger Zeitung“ genau diese steile These groß heraus: die Bebauung der Frischluftschneise im Bereich Greut mit mehreren vierstöckigen Gebäuderiegeln verschlechtere die Luftsituation in Esslingen laut dieser Computersimulation nur minimal, also könne und müsse die Bebauung in Angriff genommen werden. (Übrigens – OB Dr. Zieger  sähe durch diese Bebauung nicht nur seine ganz speziellen „Nachhaltigkeitskriterien“, sondern sogar „ethische, moralische und religiöse Werte“ erfüllt. Quelle: siehe Neujahrsrede 2017)!

Wer sich aber ein eigenes Bild davon machen will, wie hier mit einem in vielerlei Hinsicht sehr fragwürdigen Partei-Gutachten über die Zukunft einer Stadt entschieden werden soll:

Das Klimagutachten der Fa. Ökoplana kann von der Homepage der Stadt Esslingen unter
http://www.esslingen.de/,Lde/start/es_themen/klimagutachten-greut.html
oder auch unter
http://www.esslingen.de/,Lde/start/es_themen/baugebiet+greut.html heruntergeladen werden.

Verschiedene Stellungnahmen und Kritiken dazu finden Sie hier:

http://www.esslingen-adieu.de/170118-info-veranstaltung-stadtklima-esslingen/

http://aktion.familyds.com/joomla/downloads/Pressemitteilung_Info3_ProfKatzschner_final.pdf

http://aktion.familyds.com/joomla/downloads/170118_Handout_final

http://www.esslingen-adieu.de/neue-baugebiete-durch-neue-gutachten/ 

http://www.esslingen-adieu.de/downloads/

… dort z.B. auch eine ausführliche Stellungnahme unter allgemein-ingenieurwissenschaftlichen Gesichtspunkten:
Stellungnahme zum Ökoplana-Klimagutachten (Saupe 160707)

Am 27. Juli 2016 hat die Stadtverwaltung dem Gemeinderatsausschuss für Technik und Umwelt (ATU) noch weitere Untersuchungen vorgestellt – unter anderem die von Herrn Fluhrer (Leiter Stadtplanungsamt) im April 2016 als besonders innovatives Highlight angekündigte hochaufgelöste Strömungssimulation für das Geiselbachtal. Verantwortlich dafür sind Prof. Dr. Martina Klärle und Dipl.-Geoinf. Sandra Lanig vom Büro Klärle („gesellschaft für landmanagement und umwelt mbh“, Weikersheim).

Hinweis: Die nachfolgende Vorab-Stellungnahme zu dieser Simulationsstudie des Büros Klärle ist auch als pdf-Dokument abrufbar.

Ein  1  1/4-seitiges, wenig aussagekräftiges Infoblättchen zu dieser Simulationsstudie und zwei leider in keiner Weise dokumentierte oder kommentierte bunte Bilder können von der Homepage der Stadt Esslingen unter
http://www.esslingen.de/,Lde/start/es_themen/baugebiet+greut.html
heruntergeladen werden.

Die Einzel-Links dazu sind:

[1] Dokument „Kurzfassung Ergebnisse Strömungssimulation.pdf“, erstellt am 29.07.2016, 12:12:55, Download von http://www.esslingen.de/site/Esslingen-Internet/get/params_E-793837441/13427638/Kurzfassung%20Ergebnisse%20Str%C3%B6mungssimulation.pdf

[2] Dokument „Klaerle Ueberblick Durchlüftungsgutachten.pdf“, erstellt aus einer Powerpoint-Präsentation am 26.07.2016, 16:35:03, Download von http://www.esslingen.de/site/Esslingen-Internet/get/params_E-2078409263/13427631/Klaerle%20Ueberblick%20Durchl%C3%BCftungsgutachten.pdf

(alle o.g. Links zuletzt besucht am 16.08.2016).

 

Um es klar zusagen: was hier bisher vorliegt, deutet auf einen Skandal hin – nämlich einen Missbrauch von „Wissenschaft“ und zugleich eine Verschwendung von öffentlichen Mitteln, und dies beides nur, um interessengeleitet die höchst fragwürdige Verbauung einer Kaltluft-Leitbahn zu „legitimieren“:

  1. Das Büro Klärle verfügt zwar über die Computerausstattung und einige Erfahrung für Windströmungssimulationen, z.B. in Bezug auf die Windkraftnutzung – ist aber für die in dieser Sache erforderlichen stadtklimatologischen Untersuchungen in keiner Weise qualifiziert und dafür folglich auch weder zertifiziert noch akkreditiert. Das bezieht sich sowohl auf die eingesetzten Methoden wie auch auf das eingesetzte Personal. Was diese Firma liefern kann, sind also nur akademische Studien zum Spezialthema stationärer Luftströmungen, die außerdem keinem formellen Qualitätsmanagement unterliegen. Als Auftragnehmer für klimatologische Untersuchungen im Rahmen der Bauleitplanung sollte es damit eigentlich ausscheiden.
    (Eine Firma mit dieser Qualifizierungsstufe dürfte, als Beispiel aus einem anderen Fachgebiet, noch nicht einmal die Hauptuntersuchung für einen PKW durchführen. Dafür muss man sich nämlich einem strengen Qualitätsmanagement mit externer Überwachung unterwerfen und wird erst dann durch die Deutsche Akkreditierungsstelle (DAkkS) zugelassen).
     
  2. Die vorgelegten „Ergebnisse“ sind ohne jede konkrete Aussagekraft, dazu noch widersprüchlich in sich selbst. Das wird z.B. deutlich, wenn man die beiden bisher veröffentlichten Bildillustrationen zu den bodennahen Windrichtungen miteinander vergleicht (s. o.g. Link [2]).
      
  3. Zu den vorgelegten „Ergebnissen“ gibt es bis dato weder Validierung noch Verifizierung. Das heißt: es gibt keine wissenschaftlich-seriöse Grundlage, diesen von der Realität weitgehend abgehobenen „Computerspielereien“ und den dabei herausgekommenen bunten Bildchen irgendwelches Vertrauen zu schenken.
     
  4. Form und Inhalt der bislang veröffentlichten Darstellungen genügen keinerlei Ansprüchen! Selbst für einen Zwischenstandsbericht zu einem noch laufenden Forschungsprojekt würde man mehr sachlichen Gehalt und eine bessere Dokumentation verlangen müssen. So bleibt z.B. unklar, was für Winddaten verwendet wurden und auf welche Jahres- und Tageszeiten sich die Berechnungen beziehen. Es bleibt insbesondere unklar, ob die für die nächtliche Innenstadtbelüftung wesentlichen, aber extrem schwierig zu erfassenden Flurwinde sachgerecht berücksichtigt wurden.
     
  5. Der eigenen Aussage der Autorinnen nach (s. Link [1]) wurden bei der bisher vorgelegten Simulationsrechnung die im Greut geplanten Gebäude nach Ausrichtung und Höhe noch gar nicht berücksichtigt. Was soll dann diese ganze Studie?! Und wie kann man aus ihr schließen, dass die nicht berücksichtigte Bebauung keine negativen Auswirkungen hat?! Jedenfalls scheinen die Autorinnen einen Folgeauftrag zu empfehlen: „Eine Integration von Ausrichtung und Höhe geplanter Gebäude in das Modell kann zu genaueren Aussagen hinsichtlich neu entstehender Luftbewegungen und deren Richtung beitragen.“
     
  6. Der Beschreibung nach macht die Studie lediglich Aussagen über Windrichtungen, und das auch nur im bodennahen Bereich zwischen 0 und 5 Meter über Grund – als Entscheidungsgrundlage für Stadtklima-relevante Fragen also vollkommen unbrauchbar. Hier ein Beispiel dazu  (Quelle: Link [2] weiter oben):
     

    Farbplot der Windrichtungen im Plangebiet Greut, simuliert auf der Basis von Laserscannerdaten, vermutlich ohne Bebauung. Quelle: Fa. Klärle – Gesellschaft für Landmanagement und Umwelt mbH, s. http://www.esslingen.de/site/Esslingen-Internet-2016/get/params_E366060245/13427631/Klaerle%20Ueberblick%20Durchl%C3%BCftungsgutachten.pdf, zuletzt aufgerufen am 11.01.2017.

    Die verschiedenen Farben sollen unterschiedliche Windrichtungen ausdrücken, simuliert auf der Basis von „Laserscannerdaten“. Die gelbe Farbe drückt zum Beispiel „Süd“ aus. Ob das wohl bedeuten soll, dass die Durchlüftung im Greut derzeit von Süden, also von der Innenstadt her, erfolgt?! Man kann sich die Klärung dieser Frage aber sparen: diese „Ergebnisse“ sind ganz offensichtlich ohne jeden Sinn und ohne jede praktische Bedeutung.
     

  7. Der im Zusammenhang mit dieser Strömungssimulation öfters genannte Begriff „3D“ legt zwar die Vorstellung nahe, dass die Windströmungen (im Unterschied zu dem Ökoplana-Gutachten!) nach einem dreidimensionalen Strömungsmodell berechnet wurden. Der Beschreibung in Link [1] nach trifft das aber nicht zu. Demnach hat man zwar ein dreidimensionales Geländemodell zugrundegelegt, die Luftmassenbewegung aber nur flächig für einen sehr dünnen bodennahen Bereich (0 … 5 m) simuliert. Die Höhenschichtungen der Luftströmungen und die Eindringtiefen in die Siedlungsbereiche, beides stadtklimatologisch sehr relevante Parameter, können somit nicht berechnet werden.
     
  8. Zu der eigentlichen, stadtklimatologisch interessanten Frage, nämlich: in welcher Strömungsrate und in welcher Höhenschichtung kommt die nächtliche Kaltluft von den Hängen am Nordeingang der Innenstadt bei verschiedenen Wetterlagen und in verschiedenen Jahreszeiten an – dazu kann diese Studie somit ganz offensichtlich ÜBERHAUPT KEINE INFORMATION liefern!
     
  9. Dass für eine derartige Arbeit trotzdem erhebliche Summen an Steuergeld ausgegeben wurden, obwohl das fachliche Desaster vorhersehbar war, ist eine Zumutung für die Esslinger Bürger. Allein schon die (letztlich vollkommen wertlose) Befliegung und 3D-Laserscan-Erstellung dürfte sehr viel Geld gekostet haben.
     
  10. Wohl im Hinblick auf die mehr als dürftige Datenbasis und die mehrdeutigen Simulationsergebnisse finden die Autorinnen der Studie dann zu folgendem Fazit: „Die in der Simulation dargestellte uneinheitliche Luftbewegung im Plangebiet lässt nicht erkennen, dass eine Bebauung einen evtl. vorhandenen gerichteten Luftstrom unterbrechen würde.“
    Das heißt im Klartext: man hat überhaupt nichts Eindeutiges und Konkretes herausgefunden, noch nicht einmal zum eher unwichtigen Detailaspekt der bodennahen Windrichtungen – folglich lässt sich auf dieser Grundlage auch nichts zum möglichen Einfluss einer Greut-Bebauung aussagen. Man hat sich aber sehr bemüht, für diese Tatsache wenigstens noch eine Auftraggeber-freundliche Formulierung zu finden: „… lässt nicht erkennen, dass eine Bebauung einen evtl. vorhandenen gerichteten Luftstrom unterbrechen würde.“ Das ist eine sehr interessante Formulierung! Sie sagt keineswegs aus, dass eine Bebauung keine Probleme machen würde, und ist somit auch gar nicht angreifbar. Aber sie suggeriert diesen falschen Schluss, jedenfalls für flüchtige Leser!
     
  11. Sogar Herr Fluhrer vom Stadtplanungsamt, als Auftraggeber, räumt ehrlicherweise und bereits vor der vollständigen Veröffentlichung ein: „Jede Simulation hat naturgemäß ihre Grenzen und bildet nur Ausschnitte der Realität ab“. (Aus dieser etwas blumigen Formulierung kann man wohl herauslesen, dass ihm das Scheitern dieser ehrgeizigen und teuren Untersuchung selbst ausreichend klar ist).
     
  12. Dessen völlig ungeachtet zieht Herr Fluhrer dann aber sein bereits lange vorhersehbares Fazit – und das ist der Hauptskandal in dieser ganzen Angelegenheit: „Wir können … vor dem Hintergrund dieser neuen Erkenntnisse eindeutig feststellen, dass unsere bisherigen Einschätzungen zur klimatologischen Bedeutung der Flächen im Greut sich nicht bestätigen [damit gemeint sind die bebauungskritischen Gutachten aus den zurückliegenden Jahren; Anm. der Redaktion]. Zusammen mit dem bereits vorgestellten Klimagutachten von Ökoplana zeigt sich, dass grundsätzlich eine Bebauung im Greut möglich ist„.
     
  13. Eine solche Argumentationsweise machen sich die Esslinger und der Gemeinderat hoffentlich nicht zu eigen! Denn so könnte man sich ja mit methodisch ungeeigneten und daher im Wesentlichen ergebnislosen Untersuchungen Freibriefe für jede Art von Freiflächenverbrauch ausstellen lassen: „Wir haben extra eine teure Studie anfertigen lassen, und die sagt nichts gegen die beabsichtigte Bebauung aus. Es gibt also keinerlei Beweis für eine übermäßig nachteilige Auswirkung!“.
    Dass die Studie aber wegen massiver methodischer Schwächen  überhaupt nichts Verwertbares aussagt, weder be- noch entlastend, das steht dann nur weiter hinten in Klammern bzw. wird nur von Fachkundigen durchschaut.
    Eine solche Argumentation wäre also in höchstem Maße unredlich – sie täuscht nämlich darüber hinweg, dass es auf solcher Grundlage auch für die Unschädlichkeit der geplanten Maßnahme keinen Nachweis (und noch nicht einmal eine Plausibilität)  gibt. Ein solcher Nachweis der Unschädlichkeit sollte aber wohl die Voraussetzung für einen Ewigkeitsbeschluss wie die Bebauung des Greut sein (und muss im Zweifelsfall gerichtlich eingefordert werden, so lange es noch rechtsstaatliche Normen in der Bauleitplanung gibt). Immerhin geht es um die Belüftung der Esslinger Innenstadt während hochsommerlicher Hitzeperioden und im Hinblick auf den Klimawandel, und somit letztlich um mögliche Veränderungen bei der Mortalität der betroffenen Bevölkerung. Das ist ein ernstes Thema, aber die Untersuchung des Büros Klärle kann dazu NICHTS beitragen.

Und tatsächlich versucht Herrn Fluhrers Chef, OB Dr. Zieger, zu beruhigen: „Mit der Vorstellung der Ergebnisse der Gutachten und Untersuchungen ist keinesfalls eine Abwägung oder inhaltliche Vorfestlegung verbunden.“

Gut – wir vertrauen also bis auf Weiteres auf das Beurteilungsvermögen und die Unabhängigkeit des Gemeinderates, sind sehr gespannt und werden ja sehen!

(Alle obigen Zitate der Herren Fluhrer und OB Zieger nach der städtischen Pressemitteilung vom 28.07.2016 ).

Möglicherweise existiert zu der genannten Windrichtungs-Simulation des Büros Klärle, zusätzlich zu den oben zitierten Kurz-Auszügen, bereits ein ausführlicherer Berichtsband. Der dürfte dann aber (Stand 16.08.2016) noch bei der Firma und/oder beim Stadtplanungsamt unter Verschluss sein. Möglicherweise sind die Arbeiten auch noch im Gange.

Wer sich einen Eindruck verschaffen will, welchen Charakter und welchen Wert solche Strömungs-Simulationsstudien grundsätzlich haben können, wird hier fündig:
Neue Baugebiete durch neue Gutachten?!  und
Möglichkeiten und Grenzen von Windströmungs-Simulationen.

Übrigens: Diese hohlen Rituale mit planungsrechtlich vorgeschriebenen, inhaltlich aber widersprüchlichen und methodisch sehr fragwürdigen „Gutachten“ sind keine Esslinger Spezialität. Speziell die Firma Ökoplana hat damit schon lange und auch andernorts Erfahrung. Wer sich für ein weiteres Beispiel interessiert, kann darüber z.B. hier kompakt
www.gruene-fraktion-kassel.de/wp-content/uploads/sites/62/2016/01/XtraGrün-2-2008-Langes_Feld.pdf
und hier ausführlich nachlesen: Bürgerinitiative „Pro Langes Feld“.

Man wird finden, dass sich die Methoden und Abläufe sehr ähneln, wenn klamme Städte, flächenhungrige Investoren, investorenfreundliche Lokalzeitungen und abwiegelnde „Gutachter“ zusammentreffen …. 

 

Fazit für die Esslinger Bürgerschaft:

Wir müssen uns und alle Gemeinderätinnen und Gemeinderäte jetzt sehr ernsthaft fragen, ob wir der Greut-Bebauung und den weiteren geplanten Baugebieten und der damit unbestritten einhergehenden Verschlechterung des Stadtklimas wirklich zustimmen wollen. Nicht nur sämtliche seriöse Gutachten der letzten Jahre, sondern auch unsere eigenen Wahrnehmungen und der gesunde Menschenverstand mahnen uns, dass auf dieser Schiene jetzt einfach mal Schluss sein sollte.

Das bedeutet, wie auf  dieser Seite  dargestellt, übrigens nicht, über die Bedürfnisse von Flüchtlingen und Menschen aus der Notfallkartei kalt hinwegzugehen (diese Problematik war ja kurz vor Weihnachten 2015 die öffentlich genannte Motivation für den vorläufigen Baubeschluss des Gemeinderats). Natürlich müssen diese Menschen mit Wohnraum versorgt werden, aber das kann mit gutem Willen und städtebaulicher Kompetenz schnellerpreiswerter und nachhaltiger gelöst werden als durch Neubaugebiete in den wenigen noch verbliebenen klimarelevanten Freiflächen.

Und was die notorische Finanznot in Esslingen angeht (das ist ja immer das zweite Hauptargument der Stadtverwaltung für die Neubaugebiete): vernünftig überlegt, kann die Stadtkasse nicht dauerhaft durch Baulandverkauf und Bevölkerungswachstum saniert werden – sondern nur durch

eine im echten Sinn nachhaltige Kommunalpolitik auf allen Themenfeldern

(alles andere bringt uns zwangsläufig dem Bankrott näher).

Und eine solche zukunftsfähige Kommunalpolitik müsste bei einem nachhaltigen Flächenmanagement anfangen!