Ist „die Stadt“ die nachhaltigste Siedlungsform?

Und wenn ja, sollte man dann aus diesem Grund das beständige Wachstum der Städte im Allgemeinen und von Esslingen im Speziellen vorantreiben – auf Kosten der anderen Siedlungsformen?

Kurzfassung:

Dass „die Stadt“ von Grund auf nachhaltiger wäre als andere Siedlungsformen und deshalb grundsätzlich zu bevorzugen und auch auszubauen sei, ist ein unzulässiges Pauschalurteil. „Die Stadt“, umsichtig gestaltet und weise geführt, kann günstige Bedingungen für Nachhaltigkeit bereitstellen – aber wenn bei der Flächennutzung immer wieder einzelne Interessen einseitig in den Vordergrund gestellt werden und schlussendlich eine bestimmte Nutzungsdichte überschritten wird, dann gibt es keine Chance mehr auf echte Nachhaltigkeit. Stattdessen lebt eine solche Stadt dann, zumindest in Bezug auf Ökologie und Soziales, auf Kosten ihres Umlandes.

Die vom Esslinger Rathaus ausgegebene Parole, dass man gerade für das Ziel verbesserter Nachhaltigkeit unsere Stadt forciert verdichten und die Siedlungsflächen weiter vergrößern müsse, ist allein schon deshalb ein völliger Irrtum. Hinzu kommt noch: die im Interesse großer Investoren liegende und durch die Kommunalpolitik zusätzlich angetriebene Konzentration von Investitionen und Bautätigkeit auf gegenwärtig attraktive Boom-Zentren wie Esslingen beschleunigt den Niedergang anderer Teile unseres Landes. Eine solche Polarisierung ist daher in sozialer und ökonomischer Hinsicht das genaue Gegenteil von „Nachhaltigkeit“. Sie mag zwar kurzfristig einzelnen ökonomischen Interessen dienen, langfristig ist eine solche Polarisierung für Esslingen sehr schädlich – denn eine gesunde Stadt gedeiht nur in einem gesunden Umfeld.

Dieser Aspekt von Solidarität und Vernetzung soll an dieser Stelle einmal speziell herausgehoben werden – er wird letztlich über unsere zukünftige Wirtschaftskraft ebenso wie über unsere Lebensqualität entscheiden:

Esslingen kann nur in einer gesunden Region gedeihen, die Region Mittlerer Neckarraum nur in einem gesunden Bundesland, das Land Baden-Württemberg nur in einem gesunden Deutschland, Deutschland nur in einem gesunden Europa, und Europa nur in einer wenigstens halbwegs gesunden Welt.

Wir alle erleben gerade sehr intensiv mit, wie das alles ins Wanken gerät, wenn das Netzwerk der gesunden und sich gegenseitig nährenden Strukturen an irgendeiner Stelle unterbrochen ist. Folglich sollte auch Esslingen, auf der untersten kommunalen Ebene dieses Netzwerkes, nicht auf weitere Polarisierung setzen und nicht auf Kosten anderer versuchen zu wachsen und sich zu sanieren.

 

Und hier ausführlichere Betrachtungen zu diesem Thema:

Die These, dass „die Stadt“ die nachhaltigste aller Siedlungsformen sei, wird gerne von Oberbürgermeister Dr. Zieger vorgetragen. Damit meint er vor allem: weiterer Zubau an Gewerbe- und Wohngebieten sollte besser in Esslingen erfolgen – und zum Beispiel nicht auf den Höhen des Schurwaldes. Das klingt ja zunächst auch durchaus plausibel! Man denkt an eine Zersiedelung des für uns Städter doch so wichtigen Ausflugsgebietes Schurwald und an Autokarawanen, die sich im morgendlichen Berufsverkehr die Schorndorfer Straße herunter quälen. Da oben in naturnaher Idylle wohnen, und hier unten unsere Straßen verstopfen und uns die Luft zum Atmen nehmen – das ist natürlich sehr unfair!

Und schon regen wir uns auf über diese unlautere Siedlungskonkurrenz und stimmen bereitwillig zu, dass besser in Esslingen selbst die letzten noch halbwegs naturnahen Flächen den Bauern, Gärtnern und Spaziergängern weggenommen und verbaut werden, in Rüdern, in den Rosselen, im Egert, in der Kreuzstraße, im Greut, usw. usw. (ein Ende ist bei dieser Aufzählung nicht abzusehen und politisch auch nicht gewollt).

Die Verkehrslast wird dadurch zwar auch nicht geringer, aber immerhin bekommt dann die Esslinger Stadtkasse 1000 Euro Steuerzuweisung pro Jahr und Einwohner – und nicht die Aichwalder. Das ist natürlich ein ganz wesentlicher Unterschied – aber ist der Zubau in Esslingen deswegen zugleich „nachhaltiger“ als der in Schanbach? Und vor allem: bleibt die Stadt Esslingen eine „nachhaltige Siedlungsform“, wenn man sie permanent weiter verdichtet und vergrößert? Wird sie dadurch vielleicht sogar immer noch „nachhaltiger“, nach dem Motto: „je großstädtischer, desto nachhaltiger“?? Oder geht es hier um einen edlen Akt der Freundschaft: Esslingen opfert seine Freiflächen, damit die Schurwaldgemeinden ihre Naturidylle bewahren können (die wir dann im Gegenzug sonntags besuchen können)?

Zur Orientierung: von der Esslinger Gemarkung sind, Stand 2014, bereits 42 % als „Siedlungs- und Verkehrsfläche“ in Benutzung. Wenn man die schlecht bebaubaren Steilhänge des Neckartals und die unangreifbaren Waldflächen noch abzieht, bleibt also nicht mehr viel Spielraum übrig. Die entsprechende Zahl für Aichwald lautet dagegen 18,1 % (d.h. ca. ein Drittel des Esslinger Wertes). [Datenquelle: Statistisches Landesamt Baden-Württemberg, Abruf von http://www.statistik.baden-wuerttemberg.de/BevoelkGebiet/GebietFlaeche/ am 23.05.2016].

Es ist nun einmal so: in den meisten Gemeinden um Esslingen herum gibt es noch erheblich mehr Flächenpotenziale und damit auch Wachstumspotenziale als in Esslingen selbst. Die Wachstumsstrategen im Esslinger Rathaus hätten das natürlich gerne anders, sie können und wollen sich nicht daran gewöhnen, dass  Esslingen nach 1200 Jahren Entwicklung eine allmählich „ausgewachsene Stadt“ ist. Dieser zutreffende Begriff wurde zwar ganz kurzzeitig auch von Dr. Zieger im Munde geführt, nämlich im OB-Wahlkampf 2006, wohl zur Besänftigung einer durch die expansive „Neue Baupolitik“ unruhig gewordenen Bürgerschaft. Nach gewonnener Wahl wurde das aber schnell beiseitegelegt und die Weichen wieder auf weiteres Wachstum gestellt. Das soll gerechtfertigt werden durch folgende Argumentation: Die Fortsetzung des Wachstums in Esslingen dient der Nachhaltigkeit, weil eben die Siedlungsform „Stadt“ von Grund auf nachhaltig ist. Konkurrierendes Wachstum woanders geißelt man dagegen als nicht-nachhaltige Zersiedelung.

So will OB Dr. Zieger seine Zubau- und Verdichtungspolitik in Esslingen vom Makel des ständig fortschreitenden Flächenverbrauchs befreien, sie im Gegenteil sogar zu einem Projekt der „Nachhaltigkeit“ hochstilisieren.

Einer näheren Überprüfung hält dieses simple, auf den ersten Blick aber doch plausibel erscheinende „Nachhaltigkeitsranking“ zwischen den verschiedenen Siedlungsformen – Stichwort „Nachhaltige Stadt kontra nicht nachhaltiges Land ?!“ – aber nicht stand.

Eigentlich ist die Stadt nämlich überhaupt nicht „nachhaltig“, im Gegenteil: sie lebt in sehr vieler Hinsicht von ihrem Umland! Das gilt insbesondere für die elementaren Lebensgüter Wasser, Luft, Lebensmittel und außerdem auch für Energieversorgung, Abfall- und Abwasserentsorgung, Freizeit und Erholung. Nehmen wir unser Esslingen als konkretes Beispiel:

  • Hier kommt das Wasser mittlerweile zu 100 % von außerhalb, es muss rund um die Uhr aus entfernten, weniger dicht besiedelten (!) Regionen über lange Leitungen mit hohem Energieaufwand hierher gepumpt werden.
  • Auch die Luft, die im Stadtbereich benutzt und dabei mit Schadstoffen belastet wird, kann sich vor Ort nicht regenerieren. Die Stadt Esslingen ist auf einen ständigen Frischluft-Zustrom aus umgebenden Freiflächen angewiesen, und sie ist auch darauf angewiesen, ihre belastete Abluft in die Umgebung ableiten zu können. Bei den gelegentlichen Smog-Wetterlagen kann man erfühlen, was es bedeutet, wenn Esslingen in seiner eigenen Abluft gefangen bleibt.
  • Lebensmittel kommen in Esslingen zunehmend aus dem Supermarkt und immer weniger aus ortsnaher Landwirtschaft. Allein von 1988 bis 2014 haben die landwirtschaftlichen Flächen um 171 Hektar (das sind 11 %) abgenommen [Datenquelle: Statistisches Landesamt Baden-Württemberg, Flächennutzung seit 1988 nach Art der tatsächlichen Nutzung für die Stadt Esslingen am Neckar; http://www.statistik.baden-wuerttemberg.de/BevoelkGebiet/GebietFlaeche/01515211.tab?R=GS116019, zuletzt aufgerufen am 22.05.2016].
  • Esslingen hat durch seine hochverdichtete Struktur auch keinerlei Aussicht, jemals so etwas wie eine „autonome Energieregion“ zu werden, wie es zum Beispiel die geringer verdichtete (!) Bioenergie-Region Hohenlohe-Odenwald-Tauber mit Aussicht auf Erfolg konkret anstrebt.
  • Der in Esslingen produzierte Abfall muss zu 100 % per LKW aus der Stadt herausgekarrt und an anderer Stelle verbrannt bzw. die Aschen- und Filterstaubreste deponiert werden.
  • Das in Esslingen anfallende Abwasser muss ebenfalls zu 100 % mit Hilfe aufwendiger technischer Systeme zur Aufbereitung in andere Gebiete außerhalb dieser Stadt geleitet werden.
  • Für die Lebensthemen Freizeit und Erholung müssen die Esslinger zunehmend die immer stärker vernutzte und unfreundlicher gewordene Stadtfläche verlassen (daran wird auch die zuletzt gnädig gewährte Aufstellung eines Bäumchens auf dem Bahnhofsvorplatz leider nicht mehr viel ändern!). Das reicht vom Hundeausführen in den noch verbliebenen Wiesen oberhalb der Stadt über den Schurwald- und Albausflug am Wochenende bis zum Jahresurlaub „für gestresste Städter“ in irgendwelchen fernen „Naturparadiesen“, sei es nun der Bayrische Wald, Kreta oder die Malediven.
  • Auch verkehrsmäßig ist Esslingen ebenso belastet wie verwundbar: die Feinstaubbelastung am Innenstadtring lässt sich mitlerweile nicht mehr wegdiskutieren, und wenn es im Berufsverkehr auf der B 10 staut oder wenn mal eine der Neckarbrücken ausfällt, dann stockt bereits das städtische Leben.

Gemessen an den obigen Kriterien ist eine ländliche Streusiedlung im Allgäuer Voralpenland vielleicht sehr viel „nachhaltiger“ als „die Stadt“, jedenfalls dann, wenn durch vernünftige Strukturpolitik viele der dort wohnenden Menschen auch in der Nähe arbeiten können (z.B. in Handwerk und Landwirtschaft). Dort können Wasser, Luft, Lebensmittel und Energie fast vollständig vor Ort bereitgestellt werden, gleichzeitig sind Freizeit- und Erholungswert so hoch, dass nicht nur die Einheimischen in einem Gleichgewicht leben können, sondern sogar die Städter dort hinströmen (die sind dann auch die einzigen, die wirkliche Verkehrsprobleme verursachen!).

Obacht – auch dieses Siedlungsmodell ist selbstverständlich nicht beliebig übertragbar und soll jetzt nicht über alle anderen gestellt werden, zumal wir in gewissem Umfang auch industrielle Produktion brauchen, die andere Strukturen erfordert als „ländliche Streusiedlung“. Es geht hier also nicht um romantische Träumereien vom ländlichen Raum als Patentrezept. Trotzdem muss man es, als Entgegnung auf das kämpferisch vorgelegte Pauschalargument der „nachhaltigen Stadt“, klar sagen:

Diese angeblich so nachhaltige Siedlungsform „Stadt“ ist in Wirklichkeit eine sehr abhängige und kippelige Konstruktion: schon ein Stromausfall, ein Rohrbruch, ein Unfall oder eine Sabotageaktion haben sofort massive Konsequenzen. Spätestens in solchen Fällen wird jedem anschaulich, wie die Städter auf die ständige Zulieferung von Naturgütern aus dem Umland angewiesen sind. Die verstärkte „Wertschöpfung“ dagegen, die aus diesem Mechanismus der Polarisierung und Konzentration abgezogen werden kann, die bleibt natürlich in der Stadt bzw. bei den dort engagierten Investoren. Das ist insgesamt also eher ein ausbeuterisches Verhältnis als eine nachhaltige Situation.

Auch vor diesem Hintergrund ist das eingangs genannte, einfache Argumentationsmuster

„Nachhaltige Stadt kontra nicht nachhaltiges Land ?!“

überhaupt nicht hilfreich. Es begünstigt nur den tragischen (vom Esslinger Rathaus aber wohl gewollten) Fehlschluss, man sollte das zur Verfügung stehende und nach Anlagemöglichkeiten suchende Investitionskapital mit großem Vorrang in die Städte locken bzw. lenken.

Gegenvorschlag: Man sollte wieder von Polarisierung und Kirchturmsdenken abgehen und zu einer weitsichtigen, übergreifenden Raumplanung finden! Dazu muss man von unserer realen, sehr differenzierten Siedlungsstruktur ausgehen:

a) Metropole Stuttgart (planerisch ein „Oberzentrum“)

b) Oberzentren wie Ulm und Heilbronn und Reutlingen/Tübingen

c) Mittelzentren wie Esslingen, Nürtingen und Kirchheim

d) Unterzentren wie Plochingen und Ostfildern

e) Kleinzentren wie Wendlingen und Reichenbach sowie

f) Umlandgemeinden im Nahbereich dieser Zentren, mit teilweise schon städtischem Charakter, aber ohne vollständige Infrastruktur, wie z.B. Aichwald.

Wenn nun, aus welchen Gründen auch immer, neuer Wohnraum und zusätzliche Gewerbeflächen geschaffen werden sollen,  auf welcher Ebene  a) … f)  dieser Siedlungsstruktur kann das dann mit bestmöglicher „Nachhaltigkeit“ erfolgen?

Pauschale Antworten darauf sind wenig hilfreich, denn nicht die Siedlungsformen an sich sind „nachhaltig“ oder „weniger nachhaltig“, sondern die Art, wie sie genutzt werden. Wenn z.B. Arbeitnehmer aus dem „städtischen“ Oberesslingen in großer Zahl nach Sindelfingen pendeln müssen, dann ist das nicht wesentlich „nachhaltiger“ als wenn sie das vom „dörflichen“ Aichschieß aus tun würden.

Und wenn Menschen z.B. vom Filstal, vom Albrand und aus dem Schwäbischen Wald in das Ballungszentrum Stuttgart umziehen oder täglich hierher pendeln müssen, wenn zugleich ihre Dörfer nach und nach ausbluten, weil Investitionen, Infrastruktur und Arbeitsplätze nur noch hier im Ballungszentrum konzentriert werden, der inneren Logik unseres Wirtschafts- und Finanzsystems folgend und von kurzsichtiger Politik zusätzlich noch angeheizt, dann ist diese zerstörerische Polarisierung das direkte Gegenteil von Nachhaltigkeit:

Ökologische Überstrapazierung der Ballungszentren,
ökonomischer Niedergang des Umlandes,
sozialer Zerfall hier wie dort.

Man sollte also solche Polarisierungen unbedingt vermeiden und stattdessen für möglichst viele Orte eine Vernetzung der Lebensbereiche Wohnen, Arbeiten, Einkaufen und Freizeit bei möglichst kurzen Entfernungen fördern.

Die Siedlungsform „Stadt“  kann  diesbezüglich sehr günstig sein – aber nur dann, wenn man auch hier die Flächennutzung in einer harmonischen Balance hält, Gewerbe-, Wohn- und Verkehrsflächen vernünftig gewichtet, für alle Bevölkerungsgruppen in gerechter Weise sorgt und außerdem ausreichend große Freiräume in Siedlungsnähe erhält.

Für Esslingen hat das lange Zeit zugetroffen, bis man dann ab den 1970er Jahren in eine Phase der Wachstumsgläubigkeit verfallen ist. Dass man aber in der Situation Esslingens nicht mehr ständig Neubaugebiete auf den Markt werfen kann, wurde dann relativ bald bemerkt und die Investitionen wieder mehr in Erhalt und Sanierung gelenkt.

Aber dann kam ab 1998 mit Macht das große 70er-Jahre-Revival, in Form der „Neuen Baupolitik“ von OB Dr. Zieger und Baubürgermeister Wallbrecht, mit einer Vielzahl von ökologisch und stadtplanerisch hoch problematischen Neubaugebieten. So lässt Esslingen diese harmonische Balance nun immer weiter hinter sich, und allfällige Engpässe, z.B. im städtischen Haushalt, versucht man durch immer noch weiteres Wachstum zu beantworten.

Problem dabei:  Das kann offensichtlich nicht ewig so weitergehen!

Nicht nur für Esslingen, sondern für die Weiterentwicklung unserer Region und unseres Landes insgesamt stellt sich deshalb sehr dringlich die oben schon einmal aufgeworfene, grundsätzliche Frage: will und darf man Gewerbe- und Wohnflächen zukünftig immer noch stärker in einzelnen Boom-Zentren konzentrieren, so wie man das z.B. in Frankreich lange Zeit betrieben hat (mit ungünstigen Folgen!), oder setzt man noch weiterhin auf dezentrale Siedlungs- und Wirtschaftsstrukturen, mit denen man in Deutschland bisher gut gefahren war?

In der Ankündigung einer Fernsehsendung des deutsch-französischen Kanals arte heißt es zum Beispiel im April 2017: „In kaum einem anderen westeuropäischen Land ist das Gefälle von Großstadt zum Land so groß wie in Frankreich. Die großen Städte platzen aus allen Nähten, in den Dörfern herrscht oft nur noch Trostlosigkeit.“

Aber offenbar sind solche verstörenden Erfahrungen den Wachstumsstrategen hier in unserem Großstadt-Zentrum nicht Warnung genug. Vielmehr glauben OB Dr. Zieger und seine Unterstützer im Gemeinderat, dass von einer ebensolchen Spaltung auch unseres Landes (mit fortschreitender Konzentration, Zentralisierung und Polarisierung) in Esslingen profitiert werden könnte.  Und deshalb versucht man insbesondere, hier bei uns ein weiteres, massives Bevölkerungswachstum anzutreiben – und zwar bewusst entgegen der landesweiten Entwicklung (in Baden-Württemberg wird die Einwohnerzahl selbst bei „verhältnismäßig starker Zuwanderung“ ab 2024 abnehmen). [Quelle: Statistisches Landesamt Baden-Württemberg; Brachat-Schwarz, W.: Aktualisierte Bevölkerungsvorausrechnung für Baden-Württemberg 2014 bis 2060, in: Statistisches Monatsheft Baden-Württemberg 2/2016].

Weiteres Wachstum in Esslingen muss demnach auf Kosten anderer Gemeinden gehen. Niemand spricht es offen aus, aber das Ziel einer solchen, positiv formuliert „lokalpatriotischen“ Politik ist trotzdem ganz klar: die landes-, bundes- und europaweit aufsteigenden Probleme wirtschaftlicher Stagnation, der Defizite in den öffentlichen Kassen und der demographischen Veränderungen will man nicht staatsbürgerlich-solidarisch auffangen, sondern so weit wie möglich bei den „Verlierer-Gemeinden“ abseits der Zentren abladen (also das „französische Modell“, siehe oben). Sollen die doch selber schauen, wo sie bleiben – so lange in „Gewinner-Zentren“ wie hier die Investoren noch Schlange stehen und es eigentlich nur Baugenehmigungen braucht, um Umsätze und Steuereinnahmen hierher zu bringen!

Für eine solche unsolidarische Politik – Wachsen auf Kosten von Anderen! – sollte man das Argument der „Nachhaltigkeit“ aber besser nicht anführen, oder?

Allerdings – wenn man wegen bestimmter wirtschaftlicher Interessen immer mehr Menschen und immer mehr Produktionskapazität und immer mehr Konsum auf engem Raum konzentrieren will, dann geht das natürlich nicht nach selbstgenügsamen Konzepten wie z.B. der zuvor erwähnten „ländlichen Streusiedlung“. Genau deshalb drängt das auf Wachstum angewiesene Investitionskapital massiv in die Städte und erzeugt dort diesen permanenten Druck zu weiterem Flächenverbrauch und Verdichtung. War es die Theologin und Zeitkritikerin Dorothee Sölle, die diesen Mechanismus ungefähr wie folgt auf den Punkt gebracht hat: „Städte werden nicht für die Menschen gebaut, die darin leben, sondern für das Kapital, das darin wächst“?

Notwendige Schlussfolgerungen

Vom Aspekt der Nachhaltigkeit lässt sich nicht ableiten, dass die Landnutzung durch den Menschen fortwährend weiter verdichtet und vergrößert werden sollte – auch nicht in der angeblich „nachhaltigsten“ Siedlungsform Stadt. Solches Wachstum als unabwendbaren Sachzwang darzustellen, nur weil das Geld der Investoren, aus nachvollziehbarer Interessenslage, die Stadt sucht und die weniger dichten Siedlungsformen flieht, ist fatal. Unsere Städte werden dadurch immer noch anfälliger und unfreundlicher. Das einzig „Nachhaltige“ daran ist die Erhöhung des Gefälles zwischen Stadt und Land in Bezug auf Wohlstand und Lebenschancen , und damit dann auch die Förderung des Stroms von Wirtschaftsflüchtlingen (von den Regionen in die Städte) .

Auch wenn es für viele eine unbequeme Einsicht ist: wenn man Lebensqualität für die Menschen erhalten will, sowohl in den Städten wie auch im derzeit noch etwas ländlicheren Umfeld, dann

  • muss die selbstzerstörerische Konkurrenz der Kommunen um Zuzug und Investitionen durch eine übergreifende zukunftsfähige Raumplanung ersetzt werden
  • dürfen die Boom-Städte nicht länger den billigen Jakob machen, indem sie mit andauernden Dumpingangeboten in Form neuer Bauflächen in der grünen Wiese Investoren anlocken, während nicht weit weg von uns sich die Brachen ausbreiten und Gebäude und Strukturen verfallen,
  • dann muss auch insbesondere wieder mehr Geld in die herunterkommenden Gebiete außerhalb der Ballungszentren fließen, so dass auch diese wieder eine Zukunft haben und nicht in der Konkurrenz mit den derzeitigen Boom-Zentren endgültig untergehen (eine Ergänzung dazu: s. Fußnote 1),

und, noch grundsätzlicher:

  • man wird an der Beendigung des allgemeinen Dauerwachstums irgendwann nicht mehr vorbeikommen
  • man wird sich stattdessen wieder in ein harmonisches Gleichgewicht von Mensch, Natur und Umwelt einfügen müssen – und zwar ernsthaft und real, und nicht nur in den sattsam bekannten Sonntagsreden unserer Kommunalpolitiker zum gegenwärtigen Mode- und Pflichtthema „Nachhaltigkeit“.

Wenn wir diese Punkte nicht aus Bewusstheit und Einsicht als sanften Prozess gestalten, dann werden wir zunehmend in einen ökologischen, sozialen und ökonomischen Kollaps hineinschlittern.

An solche Formulierungen hat man sich leider schon zu sehr gewöhnt, ganz in der Tiefe hofft man, dass letztlich doch alles irgendwie gut weitergeht. Aber dieses Spiel ist ernst, es gibt keinen Reset-Button, den wir in 15 Jahren drücken könnten – eine durch zügellose Verbauung in ihrem Wesen und ihrer Lebensqualität zerstörte Stadt lässt sich nicht mehr restaurieren. In anderen Regionen Deutschlands, in den ebenfalls nicht-nachhaltig hochgepushten und mittlerweile wieder niedergegangenen Boom-Zentren vergangener Industrialisierungsepochen, lässt sich besichtigen, was hiermit gemeint ist.

Weltweit haben modern denkende Stadtplaner deshalb längst erkannt: nachhaltige Siedlungsstrukturen erfordern Vielfalt, Kleinräumigkeit, Lockerheit und vor allem Freiflächen in verschiedensten Formen, als Grünzäsuren, Kaltluftentstehungsgebiete, Erholungszonen und ökologische Trittsteine. Und die Städte müssen freundlich zu ihren Bewohnern sein, sie müssen Lebensqualität bieten und nicht nur Wohnmaschinen und Plattform für Geschäftsmodelle sein – sonst werden sie auch kulturell und sozial veröden.

Ständige Weiterverdichtung und endloses Flächenwachstum sind damit überhaupt nicht vereinbar – denn so wird aus einer vormals noch einigermaßen harmonisch gewachsenen Stadt mehr und mehr ein wuchernder Moloch ohne jede Chance zu echter Nachhaltigkeit.

Aber im Esslinger Rathaus fährt man leider verbissen genau diese veraltete Schiene!

 

Fußnote 1:
Man mag einwenden, dass sich in unserer Wirtschaftsordnung die Investitionsflüsse nicht staatlich steuern lassen. Andererseits ist aber klar, dass das Kapital präzise die Anlageformen sucht, die die höchsten Renditen abwerfen. Solange die Kommunen in ihrer angstgetriebenen Konkurrenz altlastenfreie, erschlossene Neubauflächen in der grünen Wiese kostengünstig anbieten, wird also vorrangig dort gebaut. Erst wenn solche Schnäppchen rarer werden, wird sich irgendwann auch Nachnutzung, Sanierung, Renovierung und Umbau wieder lohnen, und das nicht nur in den 1A-Lagen der Boom-Zentren, sondern auch etwas abseits davon.
Die Angst ist natürlich, dass das Kapital dann gleich ganz aus unserer Wirtschaft abgezogen und stattdessen in exotischen Ländern zur Spekulation eingesetzt wird. Es gab Zeiten, wo sich das mit relativ hoher Wahrscheinlichkeit gelohnt hat – aber die sind weitgehend vorbei. Wir sollten uns also von solcher Angst nicht länger einschüchtern lassen.
Wer in dieser Volkswirtschaft sein Geld solide anlegen und eine vernünftige Rendite erzielen will, hat alle Möglichkeiten dafür – die öffentliche Hand hat keinen Anlass, hier durch fortwährendes Flächendumping subventionierend einzugreifen, analog zu den aktuellen Abläufen an den Rohölmärkten.
Marktwirtschaft bedeutet eben unter anderem, dass knapper werdende Güter teurer werden. Baugrund wird knapper, wer wollte das bestreiten – aber fatalerweise denkt man in den unter Konkurrenzdruck stehenden Rathäusern, man müsse hier korrigierend eingreifen und auch allerbestes neues Bauland billig halten, indem man entgegen allen anderen Gesichtspunkten immer wieder neue Flächen auf den Markt wirft – bis zur endgültigen Erschöpfung. Das wird dann eine harte Landung, so wie immer, wenn man selbstregulierende Mechanismen durch äußere Manipulationen unwirksam macht.