Neue Baugebiete durch neue Gutachten?!

Aktualisiert: 16.06.2017

In ganz Deutschland bedroht der Klimawandel zunehmend die Gesundheit und das Leben von Menschen in den städtischen Ballungsräumen, insbesondere von älteren Personen. Siehe z.B. hier (eine Veröffentlichung des Deutschen Wetterdienst vom 14. März 2017 [Quellenangabe / Weiterführende Informationen]):

  • „Steigende Hitzebelastung für über 80-Jährige“ …
  •  „Im Zeitraum 1980 bis 2013 kamen in Europa bei Hitzewellen etwa 75 000 Menschen ums Leben.“ …
  • „Übermäßige Hitze ist eine der größten Gefahren für das menschliche Leben – nicht nur in Entwicklungsländern, sondern auch in Deutschland.“ …
  • „Die Hitzewelle im Sommer 2003 forderte allein in Deutschland rund 8 000 zusätzliche Todesopfer“.

So zeigt zum Beispiel eine weitere Studie des Deutschen Wetterdienstes (DWD) vom Juni 2017 [Quelle 1; Quelle 2; Quelle 3] anhand aktueller (!) und feinmaschiger (!) Datenerhebungen konkret für den Großraum Stuttgart auf: in den engen und dicht bebauten Neckartallagen bei Wangen, Untertürkheim und Mettingen gibt es bereits heute über 40 Hitzetage pro Jahr (mit Tageshöchsttemperaturen von mehr als 32 Grad). Und bis 2050 wird diese Zahl, den jetzt fertiggestellten Prognosen zufolge, auf bis zu 70 ansteigen.

Es wäre daher unabdingbar, im Zuge einer zukunftssichernden Stadtplanung die Belüftungssituation solcher Tallagen nicht mehr weiter einzuschränken, sondern im Gegenteil zügig zu verbessern – das war übrigens auch eines der Hauptergebnisse des jüngst abgeschlossenen 300.000€-Forschungsprojektes KARS.

Entsprechend dieser sehr ernsten Problemlage wurde in Stuttgart schon seit geraumer Zeit nicht nur umfassend untersucht, sondern auch tatsächlich die Baupolitik angepasst (!), mit teilweise schmerzlichen Selbstbeschränkungen, um weitere Schäden und Risiken möglichst einzugrenzen, Näheres siehe z.B. hier.

Aber das alles ist kein Thema für das Esslinger Rathaus!

Hier hat man sich auf einen ganz anderen Weg festgelegt – im praktischen Handeln ignoriert man schlichtweg die genannten Entwicklungen und will weiterhin in maximalem Umfang neue Bauflächen ausweisen (wie es heißt, aus „wirtschaftlichen“ sowie aus „sozialen“ Gründen). Auf eine umfassende klimatologische Bestandsaufnahme, so wie es das für Stuttgart bereits seit vielen Jahren (und immer wieder aktualisiert) gibt, wird dabei aber verzichtet. Stattdessen gibt man das Geld der Esslinger Steuerzahler dafür aus, mit pseudo-klimatologischen Spezial-„Gutachten“ die Unbedenklichkeit der jeweils anstehenden Bauprojekte einzeln „zu beweisen“. Diese zweckgeleitete, realitätswidrige Vorgehensweise erfüllt nicht die Ansprüche, die man an ein neutrales wissenschaftliches Gutachten stellen muss (deshalb wird das von den für die Klimatologie zuständigen Richtlinienkommissionen des VDI mittlerweile auch klar abgelehnt). Ein weiterer Mangel dieser Esslinger Spezial-„Gutachten“ ist, dass nur sehr wenige und veraltete Messdaten eingegangen sind, und dass die Simulationsrechnungen nur sehr kleine Teilflächen abdecken und daher klimatologisch gar keine Aussagekraft haben. Näheres dazu siehe z.B. hier und weiter unten.

Aber mit einer solchen Vorgehensweise kommt man zu den benötigten „alternativen Fakten“ für die Teile der Esslinger Gemarkung, die nun – völlig entgegen dem allgemeinen Stand der Erkenntnis – schnell noch bebaut werden sollen, beginnend mit dem Gewann Greut. Auf dieser Grundlage versichern also OB Zieger, Baubürgermeister Wallbrecht und Stadtplanungsamtsleiter Fluhrer, dass man mit der Verbauung der dortigen Kaltluftentstehungsgebiete und Kaltluftleitbahnen ruhig weiter fortfahren könne.

Offenbar gelten nach Ansicht der Verwaltungsspitze manche Grundgesetze der Physik  speziell hier in Esslingen nicht, oder nur in stark modifizierter Form.

Beispiel „Strömungsdynamik der atmosphärischen Luft“:

Weltweit vertreten die Physiker und die Klimatologen in bemerkenswerter Übereinstimmung die Ansicht, dass aus dem Erdboden herausragende künstliche Baukörper aufgrund Ihrer Querschnittsflächen die natürliche Bewegung von Luftmassen in Bodennähe behindern. Und in der Fachwelt ist auch unumstritten, dass bebaute Flächen (also insbesondere massive Dachflächen aus Ziegel oder Beton, asphaltierte Straßen, Wege usw.) sich unter dem Einfluss von Sonnenstrahlung aufheizen und diese Wärme dann anschließend über eine gewisse Zeit speichern und verzögert wieder an die Umgebung abgeben. Über solchermaßen aufgeheizten Flächen bildet sich eine Art Thermik, die anströmende Kaltluft nach oben ablenken und das bodennahe Weiterfließen somit massiv behindern und zeitweise sogar vollständig blockieren kann (siehe dazu z.B. verschiedene Hinweise in der „Städtebaulichen Klimafibel“ des Ministeriums für Verkehr und Infrastruktur Baden-Württemberg, http://www.staedtebauliche-klimafibel.de/?p=71&p2=6.2.2., zuletzt besucht am 15.04.2016)

Speziell für die Hanglagen rund um Esslingen müsste das angesichts der fortschreitenden Klimaerwärmung und der zeitweise unzureichenden Belüftung der Tallagen bedeuten:  Keine weiteren Flächen mehr bebauen ! (Für die Stuttgarter Hanglagen, als nahegelegenes Vergleichsbeispiel, ist das bereits seit langem offizielle Leitlinie in der Stadtplanung).

Aber wie gesagt, in Esslingen gelten diese Gesetze der Physik möglicherweise nicht, zumindest ist das die Meinung und die Hoffnung der Verwaltungsspitze, die für permanentes Weiterbauen in allen Bereichen der Esslinger Gemarkung kämpft, sogar in den Grünflächen des Greut-Gebiets, einer ausgeprägten Flaschenhals-Stelle inmitten der Kaltluft-Leitbahn Geiselbachtal. Deshalb folgt man hier weder den Standardwerken der Stadtklimatologie noch den klaren Warnungen des Umweltbundesamtes, des Deutschen Wetterdienstes und übergreifender Forschungsprojekte wie KARS. Und man will sich auch über die kritischen Analysen hinwegsetzen, die bereits 1989/1990 (!) die Aufgabe früherer Pläne für eine Greut-Bebauung erzwungen hatten (siehe dazu z.B. hier) – so als ob sich die Klimasituation in der Zwischenzeit entspannt hätte!

So hat das Stadtplanungsamt für viel, viel Steuergeld zwei „neue“ Simulationsstudien erstellen lassen – ganz offensichtlich hofft man darauf, mit alternativen Rechenmodellen doch noch einen nach außen hin plausibel erscheinenden Freibrief für die weitere Verbauung der Kaltluft-Leitbahn Geiselbachtal zu erhalten:

  1. Das im Juni 2016 vorgelegte „Klimagutachten“ zum Gebiet Greut der Fa. Ökoplana. Für eine ausführliche Stellungnahme zu diesem „Klimagutachten“ siehe unter http://www.esslingen-adieu.de/greut-bebauung-der-dammbruch/ oder auch direkt unter „Stellungnahme zum Ökoplana-Klimagutachten (Saupe 160707)„.
  2. Zusätzlich eine „hochaufgelöste Strömungssimulation„, erstellt von der „Gesellschaft für Landmanagement und Umwelt mbH“ (Prof. M. Klärle et.al.,  www.klaerle.de), nach einer für die Stadtklimatologie angeblich hoch innovativen Methodik. Damit sollen die künftigen Luftströmungen in und um das Greut sehr detailliert vorhergesagt werden, nämlich abhängig von unterschiedlich vorgegebenen Bebauungsformen und „parzellenscharf“, das heißt, räumlich fein aufgelöst.

Nachfolgend geht es speziell um die Strömungssimulation gemäß Punkt 2. Über die Fertigstellung dieser Studie hat die Verwaltung den Esslinger Gemeinderat am 28.07.2016 unterrichtet. Aber selbst ein knappes Jahr später, 16.06.2017, waren davon auf der Homepage der Stadt Esslingen nur zwei nichtssagende Ausschnitte (siehe hier und hier) veröffentlicht – kein gutes Beispiel für den Umgang mit öffentlichen Geldern und für Transparenz bei behördlichem Handeln!

Zur Veranschaulichung dessen, was man von solchen numerischen Strömungssimulationen ganz allgemein erwarten kann, wird nachfolgend ein Ergebnisbeispiel aus einem anderen Forschungsvorhaben derselben Autoren gezeigt (also wiederum „Gesellschaft für Landmanagement und Umwelt mbH“, Prof. M. Klärle et.al., s.o.). In diesem Beispiel geht es um Potenzialabschätzungen für Kleinwindkraftanlagen – das Anwendungsgebiet, wofür das verwendete Rechentool WIND-AREA eigentlich entwickelt wurde:

Bspbild-Klaerle

[Quelle: Klärle, Martina und Fuchs, Anna: WIND-AREA – Großflächige Berechnung von Windgeschwindigkeiten für Kleinwindkraftanlagen auf der Basis hochauflösender Fernerkundungsdaten (Abschlusspräsentation zu einem Forschungsvorhaben der Fachhochschule Frankfurt, 2011-2014, erstellt am 01.04.2014, Download von http://www.klaerle.de/fileadmin/sunarea/WIND-AREA/WIND-AREA_Praesentation_Klaerle.pdf am 15.04.2016)]

Auch die Simulationsstudie für die Greut-Bebauung enthält jetzt einige bunte Bildchen dieser Art, so dass naive Betrachter leicht in Gefahr kommen, über unsichere und wenig konkrete Sach-Ergebnisse und deren folglich nur geringe Aussagekraft hinwegzusehen.

Übrigens – das läuft oft so bei CFD-Simulationen. Genau aus diesem Grund wird die Bezeichnung dieser Simulationsmethode, „CFD“, was ja eigentlich „Computational Fluid Dynamics“ heißen soll, von Insidern auch gerne ironisch mit

Colours for Directors“

übersetzt, also

„Bunte Bildchen für Entscheidungsträger“.

Möglicherweise werden sich also auch bei uns die Öffentlichkeit und die Gemeinderäte davon sehr beeindrucken lassen, ebenso von der pseudowissenschaftlichen Anmutung des Berichtes mit einer verwirrenden Vielfalt an Rechenergebnissen (auch wenn bislang noch keines dieser Ergebnisse nach den Regeln der Wissenschaft verifiziert und validiert ist!).

Das Problem ist aber – diese Simulationsstudie liefert in Bezug auf die Sache, um die es eigentlich geht, nämlich

die Frischluftzufuhr für die Esslinger Innenstadt während der kommenden Jahre
(im Lauf der Jahreszeiten und bei unterschiedlichsten Wetterlagen!),

zunächst einmal niemandem eine konkrete und zuverlässige Information, ausreichend zur verantwortlichen Beurteilung eines baulichen Eingriffs, und zwar aus vier Gründen:

  1. Allein schon die Darlegung der für die strömungsdynamischen Simulationsrechnungen zugrundegelegten Randbedingungen wird jeden der Adressaten hier in Esslingen überfordern, mehr noch das Verstehen der Rechenmethoden selbst. Das heißt: ein Nachvollziehen der Simulationen, eine Überprüfung der Ergebnisse hinter den bunten Bildchen, wenigstens auf Plausibilität, ist nicht möglich. Demzufolge wird man die Ergebnisse dann eben glauben oder auch nicht.
  2. Der Simulationsstudie liegen offenbar nur wenige sehr spezielle Beispielsituationen zugrunde. Momentanes Wettergeschehen ist aber etwas anderes als langfristige Klimaauswirkung! Für seriöse klimatologische Aussagen wäre deshalb zu untersuchen gewesen eine Abfolge mehrerer ganzer Jahre mit den in der Realität vorkommenden sehr unterschiedlichen Wetterbedingungen, zusätzlich überlagert von den Auswirkungen des Klima- und Vegetationswandels (so weit jetzt schon quantitativ absehbar).
  3. Bei numerischen Simulationen dieser Art gibt es eine ganze Anzahl grundsätzlicher und schwerwiegender methodischer Probleme, Näheres dazu gerne in persönlicher Kommunikation, oder z.B. auch unter https://de.wikipedia.org/wiki/Numerische_Str%C3%B6mungsmechanik. Seriöse CFD-Experten weisen darauf in aller Klarheit hin. Wenn z.B. schon die Heizluftströme in einer Fabrikhalle nur einigermaßen gut vorherberechnet werden können, dann sind die Fehlermechanismen und Unsicherheiten bei Schwachwind-Prognosen für zerklüftetes Freiland bereits um ein Vielfaches größer. Eine blinde Gläubigkeit gegenüber solch einer einzelnen speziellen Computersimulation wäre daher mehr als naiv und mehr als fahrlässig.
  4. Wie oben bereits gesagt, gibt es zu den Simulationen der Fa. Klärle bis dato keinerlei Verifizierung und Validierung anhand realer Messdaten. Ob es irgendeinen Zusammenhang zwischen diesen Computer-Rechnereien und der Wirklichkeit gibt, bleibt damit also völlig offen.

Sicher ist eigentlich nur: was für hier und heute unter sehr speziellen Vorgaben als Einzelsituation berechnet wurde, taugt nicht als verlässliche Stadtklima-Prognose für kommende Jahre, zumal wenn Klima, Vegetation und Stadtstruktur sich weiter verändern werden. Solche Einzelrechnungen können deshalb vernünftigerweise nicht als „wissenschaftlicher“ Freibrief für weiteren Zubau dienen, zumal alle früher erstellten stadtklimatologischen Stellungnahmen von weiterer Bebauung klar abraten.

Langer Rede kurzer Sinn:

Diese Simulationsstudie zur hochaufgelösten Strömungsdynamik im Greut war hinausgeworfenes Geld!

Der international hoch angesehene Klimatologe Prof. Katschner hat es nach Betrachtung der dürftigen Ergebnisse in einer Vortragsveranstaltung am 18.01.2017 übrigens so ausgedrückt: „Hoffentlich hat die Stadt dafür kein Geld bezahlt …“

Falls die Studie aber trotz ihrer offensichtlichen Mängel in der Methodik und in den Ergebnissen irgendwann doch noch veröffentlicht werden sollte, dann wird sie im besten Fall eine ganz grundsätzliche Erkenntnis bestätigen, auf die man längst schon mit dem gesunden Menschenverstand hätte kommen können, und die durch die bereits vorliegenden stadtklimatologischen  Untersuchungen ausreichend bestätigt ist – nämlich dass eine Bebauung des Greut die Belüftung für die Innenstadt nicht verbessern, sondern verschlechtern wird.

Bitteschön – wer wird dem ernsthaft widersprechen wollen:

Eine Bebauung der Grünflächen im Greut wird die Belüftung für die Innenstadt nicht verbessern, sondern verschlechtern!

Diese Belüftung ist aber bereits heute oftmals unzureichend – mit der Folge einer zeitweise hohen Anreicherung von Luftschadstoffen und einer immer häufiger auftretenden Überwärmung des Stadtgebietes, mit sehr quälerischen und gefährlichen Folgen für die Menschen. Und das alles wird durch den Klimawandel und durch die Verkehrslawinen derzeit nicht besser, sondern belastender.

Was gibt es da also noch lange und teuer herumzusimulieren? Offenbar soll pseudowissenschaftliches Tamtam, ohne nachgewiesene thematische Relevanz und auf der Basis von nicht validierten Vorgaben und Methoden, propagandistisch als „Beweis“ dafür dienen, dass die weitere Einschnürung des Belüftungs-Flaschenhalses Greut letztlich doch „zumutbar“ wäre – jedenfalls in der laut Stadtverwaltung immer notwendigen fallweisen Abwägung zwischen Wirtschaftlichem, Sozialem und Ökologie“.

(Für weitere Hintergründe zu diesem Thema siehe auch die Seite  „Möglichkeiten und Grenzen von Windströmungs-Simulationen“)

Auch ohne viel Phantasie kann man sich für die eventuelle spätere Veröffentlichung dieser Studie folgendes Szenario vorstellen – einfach in Fortschreibung der vielfältigen Erfahrungen aus dem sog. „Bürgerdialog“ (2014-2015) zur Fortentwicklung des Flächennutzungsplan sowie aus anderen Entscheidungsprozessen zur Esslinger Stadtentwicklung:

Die Autoren des Berichtes und die Stadtverwaltung als Auftraggeber werden in Pressekonferenzen, in auflagenstarken Flyern sowie in aufwendig gestalteten Materialienbänden zum Bebauungsplanverfahren erläutern, dass – als Ergebnis von aufwendigsten Optimierungsrechnungen mit neuesten wissenschaftlichen Methoden, erstmalig angewendet in Esslingen (!) – nun die ganz praktische und enorm wirkungsvolle Maßnahme gefunden wurde, gegenüber den ursprünglichen Planungen einige Baukörper etwas zu drehen und einige andere etwas zu verschieben. Dadurch könne eine eventuelle Beeinträchtigung der nächtlichen Kaltluftströme durch das Neubaugebiet gegenüber den von der Bürgerschaft stark kritisierten Erstentwürfen ganz entscheidend reduziert werden.

Und der Herr Oberbürgermeister wird mit staatsmännischer Miene vortragen, dass man doch nun die Sorgen der Bürger, für alle sichtbar, sehr ernst genommen und wirklich keinen Aufwand gescheut habe. Aber aufgrund dieses Studienergebnis könne man jetzt die Bebauung des Greut mit gutem Gewissen angehen – und angesichts eines eklatanten Bauflächenmangels, einer drohenden demographischen Katastrophe und einer schlechten Haushaltslage in Esslingen müsse man diese auch unbedingt angehen!

Und die große Mehrheit des Gemeinderats wird sich dieser Vorgabe anschließen, wird die im Bebauungsplanverfahren vorgetragenen Bedenken von Bürgern und Trägern öffentlicher Belange zurückweisen, „aus der Gesamtverantwortung für die Stadt heraus – die an  dieser Stelle leider einen gewissen Kompromiss zulasten der Ökologie notwendig macht, einen Kompromiss, der aber durchaus vertretbar ist“.

Und die Kommentatoren der Esslinger Zeitung werden diese Formulierungen, so wie schon immer, in sympathischem Einverständnis übernehmen, die Stadtverwaltung und den Gemeinderat ausdrücklich belobigen und dabei herausstellen, dass man es sich dort nicht leicht gemacht, sondern echte Verantwortung übernommen und eine dem akuten Handlungsdruck angemessene Entscheidung getroffen habe. Sie werden dann gleich weitergehen und anmahnen, dass solcher Realitätssinn und solcher Mut zu teilweise unpopulären Entscheidungen jetzt auch bei den dringend anstehenden Beschlüssen zum nächsten Bebauungsschub im Rahmen des neuen Flächennutzungsplans gezeigt werden müssten. Im Interesse einer dynamischen Stadtentwicklung dürfe man „ökologische“ Kriterien auch weiterhin nicht verabsolutieren, trotz eventueller Proteste von Bürgern und Verbänden. Und zwischen den Zeilen wird dann wieder zu lesen sein, dass solche Proteste ja ohnehin nur einem sozialschädlichen Eigennutz entsprängen und deshalb von den „Verantwortungsträgern“ auf jeden Fall zurückzuweisen seien.

Das – wie gesagt, war jetzt nur ein fiktives, vorweggenommenes Szenario.

Vielleicht wird es aber gar nicht eintreten? Herr Fluhrer vom Stadtplanungsamt hatte nämlich im April 2016 noch versichert, dass diese neu in Auftrag gegebene Simulationsstudie vollkommen ergebnisoffen sei. Eventuell könnten sich dabei auch zu hohe Belastungen herausstellen, so dass man die geplante Bebauung wieder stoppen müsse – und das würde dann selbstverständlich auch geschehen (versprochen!), man solle deshalb jetzt erst einmal Vertrauen walten lassen und in aller Ruhe die Rechenergebnisse abwarten.

Spannende Frage: Glaubt in Esslingen so etwas noch irgendjemand – auch noch nach dem sog. „Bürgerdialog“ (2014-2015) zum FNP-Entwurf, der ja unter vielen, zuvor noch gutgläubigen Teilnehmern zu einem völligen Vertrauensverlust geführt hat? Und was für „neue“ (also eigentlich alte) Erkenntnisse müssten denn in der Simulationsstudie auftauchen, damit die bisher ganz klar für die Greut-Bebauung eintretende Verwaltung und der Gemeinderat von dieser im Dezember 2015 beschlossenen Absicht wieder zurücktreten?

Von Computern ausgerechnete Detaildaten-Sammlungen zu Strömungsgeschwindigkeiten und Kaltluft-Schichthöhen würden diese einschneidende Wirkung wohl nicht haben. Eher müsste in der Studie etwas drinstehen von der Art: „Die und die Bebauung der Wiesenflächen im Greut wird in absehbarer Zeit zu den und den direkt nachweisbaren Gesundheitsfolgen für den und den Teil der Innenstadtbevölkerung führen.“

Aber da haben wir’s – so etwas wird in der neuen Strömungsberechnung ganz sicher nicht drinstehen, wetten? Und somit ist das oben beschriebene Beschluss- und Bebauungsszenario dann doch deutlich wahrscheinlicher als die Rolle rückwärts mit einem Verzicht auf die Bebauung des Greut ….

Schlussfolgerung:

Eine Chance für den vollwertigen Erhalt dieses Teils der für die Innenstadt sehr wichtigen Kaltluft-Leitbahn Geiselbachtal wird nicht, wie von Herrn Fluhrer begütigend dargestellt, als eines der möglichen Ergebnisse aus dem Datensalat der hochspeziellen neuen Computersimulation herauskommen können.

Eine solche Chance kann sich allenfalls daraus ergeben, dass die Bewohner der Esslinger Innenstadt die bisher gezeigte Geduld ablegen. Sie müssten ihre elementaren Interessen in Bezug auf Lebensqualität und Gesundheit gegenüber Stadtverwaltung und Gemeinderat in den bevorstehenden Monaten mit ausreichendem politischem Druck deutlich machen.

Mit irgendwelchem Herumlavieren, z.B. mit der schon jahrzehntelang erfolglos vorgetragenen Bitte nach „verbesserten Verkehrskonzepten“, ließe sich dabei aber nichts Wesentliches verändern. Man müsste vielmehr zu einer unbequemen Konsequenz kommen und den Träumereien von einem unbegrenzt weitergehendem Siedlungs- und Bevölkerungswachstum irgendwann klar entgegentreten – auch wenn sich derzeit sehr viele mächtige Akteure und Propagandisten in genau diesen Träumereien ergehen und dafür die Unterstützung durch Stadtverwaltung und Bürgerschaft einfordern.

 

Weitere Hintergründe zum Thema solcher CFD-Simulationen: siehe auf der Seite „Möglichkeiten und Grenzen von Windströmungs-Simulationen“