Die „Neue Baupolitik“ ab den 2000er-Jahren und die von ihr geschaffenen Bausünden

Aktualisiert: 04.08.2016

Nach den Amtsantritten von Baubürgermeister Wallbrecht und Oberbürgermeister Dr. Zieger (1998) wurde zügig die sog. „Neue Baupolitik“ ausgerufen.

Hauptziel war, die Stadt Esslingen und die hier ansässige Wirtschaft vor der vermeintlichen Transusigkeit der Esslinger zu retten – die neuen Chefs befürchteten „ein Sterben in Schönheit“. Denn tatsächlich waren die Vorgänger in der Verwaltungsspitze, im Konsens mit großen Teilen der Bürgerschaft, nach den massiven Wachstumsschüben der Nachkriegsjahrzehnte zu der Anschauung gekommen, dass man nun mit weiteren Neubaugebieten langsamer und vorsichtiger zu Werke gehen müsse. Es lagen diesbezüglich auch eine ganze Reihe von Gutachten vor, die vor den Belastungen des Stadtklimas und der Ökosphäre durch eine weitergehende Verbauung der Talhänge ausdrücklich warnten.

Mit dieser Nachdenklichkeit wurde nun, mit angetrieben durch verschiedene Interessensträger, gründlich aufgeräumt. Der Gemeinderat hatte diesem Druck und dieser Dynamik nichts entgegenzusetzen, so dass in rascher Folge eine große Zahl von Neubaugebieten geplant und auf den Markt gebracht wurden.

Eines davon, nur als Beispiel, ist der „Zeller Egert“ hoch oberhalb von Zell. Hier sollte der Aufbruch in ein neues Zeitalter des Städtebaus zelebriert werden, Niedrigenergiestandard und höchste architektonische Qualität sollten diese Siedlung zu einem Aushängeschild der „Neuen Baupolitik“ machen und den Verlust von hochwertigen Ackerflächen und Baumwiesen rechtfertigen.

Interessanterweise ist dieses Neubaugebiet, Baubeginn November 2004, bis zum heutigen Tag noch nicht vollständig aufgesiedelt. Offenbar ist die Nachfrage nach Bauplätzen, selbst in Esslingen!, nicht unendlich. Wie lässt es sich da rechtfertigen, dass ab 2016 schon wieder Naturflächen für Neubaugebiete geopfert werden sollen?

Jeder, der die bisherigen Auswirkungen der „Neuen Baupolitik“ erfahren und sich eine konkrete Vorstellung von dem machen will, was unter der Verantwortung von Herrn Wallbrecht und Herrn Dr. Zieger jetzt in noch viel größerem Maßstab auf Esslingen zukommen wird, sollte sich einmal die Zeit nehmen, durch die Neubausiedlung „Zeller Egert“ zu spazieren.

Übrigens hat ein Bewohner des Egert als Stellungnahme zu dieser Seite darauf hingewiesen, dass die nachbarschaftliche Atmosphäre im Egert ganz hervorragend sei. Das ist natürlich sehr erfreulich und sei den dort lebenden Menschen von Herzen gegönnt. Und überhaupt – die hier vorgebrachten Einwendungen richten sich keinesfalls gegen die Bewohner des Egert. Es geht auch nicht darum, beim Egert jetzt noch von außerhalb auf irgendwelche (städte-)baulichen Veränderungen zu drängen – die Bewohner wissen selbst am besten, wie sie ihr Dasein dort gestalten wollen und werden das ggfs. mit der Stadtverwaltung irgendwie verhandeln müssen.

Diese Seite soll vielmehr einen Anstoß geben, über die
                              weitere  Siedlungsentwicklung  in und um Esslingen
konstruktiv nachzudenken. In diesem Zusammenhang darf und muss Kritik an den städtebaulichen und architektonischen Konzepten des Esslinger Rathauses geübt werden, sowohl an den bereits realisierten wie auch an den neu angekündigten. Immerhin betreffen bauliche Realitäten den öffentlichen Raum und somit alle Bürger, dazu muss also eine demokratische Diskussion geführt werden.

Und weil Bilder bei solchen Themen u.U. mehr als tausend Worte sagen, nachfolgend keine verbale Kommentierung, sondern nur einige spontane und unretuschierte Schnappschüsse von einem Sonntagsspaziergang durchs Egert im Mai 2016.

Jeder muss für sich selbst die Frage beantworten: können Neubaugebiete solcher Art, realisiert in den vormaligen Grünflächen des Esslinger Außenbereichs, wirklich unser stadtplanerisches und architektonisches Zukunftskonzept sein?

(Die Bilder können durch Anklicken vergrößert werden, anschließend zurück zur Ansicht dieser Seite durch den Backstep-Button Ihres Browsers!)

Zeller Egert 01.05.2016 / Aufnahme G.S., lizenzfrei

Zeller Egert 01.05.2016 / Aufnahme G.S., lizenzfrei Zeller Egert 01.05.2016 / Aufnahme G.S., lizenzfrei Zeller Egert 01.05.2016 / Aufnahme G.S., lizenzfrei Zeller Egert 01.05.2016 / Aufnahme G.S., lizenzfrei Zeller Egert 01.05.2016 / Aufnahme G.S., lizenzfrei Zeller Egert 01.05.2016 / Aufnahme G.S., lizenzfrei Zeller Egert 01.05.2016 / Aufnahme G.S., lizenzfrei

Alle Aufnahmen: G.S., 01.05.2016, lizenzfrei

Die Stadtverwaltung schwärmt übrigens in Bezug auf die oben gezeigte „Sonnensiedlung“ Egert von einem „Wohngebiet mit Charme“ und von „ruhigem Wohnen in lichtdurchfluteten, behaglichen und individuellen Häusern mit intimen Gärten“. Unnötig zu erwähnen, dass man sich mit dieser Art von Siedlungsplanung für Architekturpreise qualifiziert. In diesem Fall war es laut Esslinger Stadtverwaltung [1] der Hugo-Häring-Preis, der Architekturpreis des Landesverbands Baden-Württemberg des Bundes Deutscher Architekten (BDA).

Auch die „Esslinger Zeitung“, der Baupolitik des Esslinger Rathauses wie immer sehr verbunden (siehe dazu Weiteres unter http://www.esslingen-adieu.de/die-propagandisten-des-unendlichen-weiterbauens/), also auch die „Esslinger Zeitung“ schreibt im Juni 2015 noch: „Für die architektonische Qualität gibt es breite Anerkennung“ [2]. Was man bei der Gelegenheit besonders hervorhebt: dass bei den 300 Bewohnern dieser Neubausiedlung das Durchschnittsalter bei nur 28 Jahren und damit um 15 Jahre unter dem Durchschnitt der Gesamtstadt liege – was dann wohl ein großer Erfolg der „Neuen Baupolitik“ sein soll ?!

Satirische Nebenbemerkung: Eine „wissenschaftliche“ Hochrechnung, z.B. aus der bewährten Quelle „Statistisches Landesamt“, bis wann auch diese so wundervoll junge Siedlung, ebenso wie der Rest der Stadt, als „überaltert“ gelten muss, wird im Zusammenhang mit dieser grandiosen Erfolgsmeldung leider nicht vorgelegt. Also müssen wir uns mit einer eigenen Abschätzung behelfen: infolge der natürlichen Alterung der Individuen (der Mensch altert normalerweise pro Jahr um ein Jahr) und wegen des zu erwartenden Wegzuges der Jugendlichen für Studium und Beruf dürfte das gegen 2030 eintreten – hoppla, demnach ist Gefahr im Verzug! Spätestens dann müssten – nach der von der Stadtverwaltung verfolgten Anti-Demographie-Strategie – unbedingt die nächsten Neubaugebiete für dann wieder „neue Junge“ bereitstehen … jetzt haben wirs endlich verstanden.

Weitere (auch durchaus ernste) Anmerkungen zur ersten Runde der „Neuen Baupolitik“ ab den 2000er-Jahren werden auf dieser Internet-Seite später noch folgen.

Aber ob Neubau-Siedlungen der oben gezeigten Art wirklich ein bleibender Gewinn für Esslingen sein können, und ob wir jetzt unbedingt in verschärftem Tempo weitermachen sollten mit der Überbauung von Äckern, Wiesen und Gärten im Außenbereich, so wie es jetzt geplant ist, darüber muss sich jeder selbst eine Meinung bilden.

Übrigens – 2030, wenn voraussichtlich der Egert zum „Problemviertel“ mit hohem Durchschnittsalter geworden ist (s.o.), dann werden die heutigen „alten“ Stadtviertel den Generationenwechsel schon vollzogen haben – deren Durchschnittsalter wird einen deutlichen Sprung nach unten gemacht haben. Das ist der Lauf der Dinge, und nur wer ihn nicht abwarten kann, oder wer ernsthaft glaubt, den demographischen Megatrend speziell für Esslingen außer Kraft setzen zu können, muss ständig Neubauviertel zur statistischen Verjüngung der Stadtbevölkerung hochziehen.

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Quellenangaben:

[1] http://www.esslingen.de/,Lde/start/es_themen/Sonnensiedlung+Egert.html, zuletzt besucht am 03.05.2016. Stand 13.08.2016: nicht mehr abrufbar; in anderer Form wohl ersetzt durch eine Seite speziell für die Vermarktung des noch freien Baugrunds: http://www.esslingen.de/,Lde/12178075.html (zuletzt besucht am 13.08.2016)

[2] http://www.esslinger-zeitung.de/region/esslingen_artikel,-korrektur-im-baugebiet-egert-_arid,1331352.html, zuletzt besucht am 03.05.2016