Die Opfer der „Neuen Baupolitik“ ab 1998

(Aktualisiert 17.04.2017)

Seit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert, und verstärkt nach dem zweiten Weltkrieg, hatte die um 800 gegründete historische Stadt Esslingen mehrere starke Wachstumsschübe erfahren.

Aber ab den 1980er-Jahren war die Einsicht gewachsen, dass der Flächenverbrauch nicht ewig weitergehen kann, außer man will das Wesen und die Qualitäten dieser Stadt aufgeben und die Funktionsfähigkeit als Lebens- und Wohnraum und als Wirtschaftsstandort verspielen.

In dieser Zeit war deshalb in Bürgerschaft und Rathaus allmählich eine Übereinstimmung eingekehrt, die bis dahin noch verbliebenen Landschaftsschutzgebiete, Grünzäsuren, Ackerflächen und klimarelevanten Teilflächen der Gemarkung möglichst zu schonen. Das war auch der Ratschlag mehrerer umfangreicher ökologischer Gutachten.

Das hat aber natürlich in manchen Kreisen zu massiver Unzufriedenheit geführt: zu dringend haben Immo-Unternehmen und Bauwirtschaft Neubauflächen als lukrative Investitionsmöglichkeiten und Gewerbebetriebe Erweiterungsflächen eingefordert, zu gerne hätten auch einige Bürgerinnen und Bürger noch weitere „Stückle“ zu Bauland und damit zu viel Geld gemacht, zu gerne hätten einige ihre Nachkommenschaft immer weiter in die Wiesen hinausbauen lassen.

Gleichzeitig hatte sich seitens der Wirtschaft überregional und global der Trend verschärft, gewerbliche Investitionen, Arbeitsplätze, Infrastruktur und Wohnbevölkerung nur noch auf einige Metropolen so wie die Region Stuttgart zu konzentrieren und dafür das Ausbluten der Regionen in Kauf zu nehmen. Dass die dadurch erzwungene Wanderungsbewegung in Richtung Städte für die betroffenen Menschen und Kommunen auf beiden Seiten zu einem zerstörerischen Teufelskreis wird, war zwar bald schon klar. Aber genau diese Entwertung und Zerstörung gewachsener Lebensräume und das ersatzweise Hochziehen neuer, hochverdichteter Strukturen stellt eben für bestimmte Bereiche der „Wirtschaft“ ein sehr lukratives Geschäftsmodell dar.

Um alle diese Interessen maximal bedienen zu können, haben OB Dr. Zieger und Baubürgermeister Wallbrecht direkt nach ihrem Amtsantritt im Jahr 1998 die zuvor gerade eingeführten Selbstbeschränkungen in der Stadtentwicklung wieder beiseitegeräumt. Als ihr persönliches Markenzeichen haben sie die „Neue Baupolitik“ eingeführt, und die große Mehrheit des Gemeinderates hat sich hinter diesen Politikwechsel gestellt. Eines der wichtigsten Argumente war, dass für die umworbene Klientel des „mittleren Managements“ chice Neubaugebiete im Grünen gebraucht würden – auch wegen entsprechender Konkurrenz mit den Nachbargemeinden.

Seitdem wird wieder aus dem Vollen geschöpft, was Flächenverbrauch angeht: Zwischen 2000 und 2015 wurden weitere 103 Hektar zu „Siedlungs- und Verkehrsfläche“ gemacht [Quelle: Stat. Landesamt, Abruf 25.02.17]. Manche haben von dieser „Neuen Baupolitik“ bereits sehr profitiert, manche hoffen immer noch weiter und weiter davon zu profitieren.

Aber es gibt auch Opfer dieses gnadenlosen Flächenfraßes auf Esslinger Gemarkung,  welcher jetzt mit weiteren 17 Hektar für zusätzlichen Wohnbau und ca. 15 Hektar für neue Gewerbeflächen bis 2030 fortgesetzt werden soll (siehe hier den entspr. Gemeinderatsbeschluss):

Die Landwirtschaft

Die Landwirtschaft hat von 2000 bis 2015  86 Hektar von Ihrer Fläche abgeben müssen. Die Betriebsführung wird dadurch schwieriger und unwirtschaftlicher, Wege weiter, Pachtkosten höher. Bei geringerer Fläche steigt außerdem der Druck, ertragsstärkende Mittel einzusetzen, mit den bekannten Folgen für Biosphäre, Grundwasser usw..

Aber vor allem: angesichts dieses neu angefachten Flächenfraßes wird es für die Landwirte immer schwieriger, Hofnachfolger zu finden. Die Perspektiven sind einfach zu unsicher, die landwirtschaftlichen Flächen wurden und werden von der jetzigen Rathausmehrheit immer ungenierter als Baulandreserve angesehen und vermarktet.

Das Problem: fruchtbarer Ackerboden, einmal überbaut, ist für immer verloren. Aber leider wird diese lebenswichtige Ressource weltweit zerstört und daher immer knapper.

Die Kinder und Jugendlichen

Sie finden in der Stadt bzw. in der näheren Umgebung der Stadt kaum noch altersgemäße Freiräume. Mittlerweile werden sogar die „regulären“ Sportmöglichkeiten zunehmend beschnitten: Verkauf und Überbauung der Freibad-Gelände konnten durch massiven Bürgerprotest zwar gerade noch verhindert werden, aber dafür wird es nach aktueller Beschlusslage nun einigen Sport- und Bolzplätzen an den Kragen gehen.

Möglichkeiten zur Bewegung draußen, Kontakt zu Pflanzen und Tieren in der Natur, das Erleben von natürlichem Boden und von Himmel und von Nacht – das alles ist für die Esslinger Stadtkinder bereits weitestgehend verlorengegangen. Und von Jahr zu Jahr wird es enger und trostloser.

Die Tallagenbewohner zwischen Mettingen und Zell

Ihnen weht überwiegend die hochbelastete Abluft von Feuerbach, Cannstatt, Untertürkheim und Obertürkheim um die Nase. Die notwendige „Verdünnung“ dieses Schadstoffcocktails durch frische nächtliche Hangluft ist schon heute nachweislich unzureichend und soll nun durch die Überbauung weiterer klimasensibler Gebiete noch weiter eingeschränkt werden.

Die Alten und die Kranken

Sie reagieren oftmals besonders empfindlich auf die schlechte Luftqualität in der Tallage, welcher sie in vielen Fällen nicht ausweichen können. Das Problem ist außer den Schadstoffen die sommerliche Überhitzung von Teilen der Stadtfläche, beides als Auswirkung der u.a. wegen Verbauungen schlechten Belüftung der Tallage. Die Folge: bei bestimmten Wetterlagen unnötig hohe Erkrankungszahlen und in nicht mehr ganz wenigen Fällen auch vorzeitiges Ableben.

Alle Esslinger Bürger

Sie verlieren von Jahr zu Jahr immer mehr von ihren Freizeit- und Erholungsflächen, müssen für diese Lebensbereiche immer weiter wegfahren. Und: das Angebot an direkt hier erzeugten, frischen und gesunden Lebensmitteln wird allmählich dürftiger und letztlich auch teurer.

Und: Stimmung und Gemüt leiden unter der Dauersituation, dass die Verbauung ihrer Heimatstadt-Gemarkung fortwährend voranschreitet – Scheibchen für Scheibchen, ohne dass es einen Gesamtplan oder gar eine Zusicherung gäbe, bis wann das Siedlungswachstum dann vielleicht doch einmal beendet wird.

Zugegeben: die wohlhabenden Bewohner der wenigen noch übrigen Premium-Lagen, abseits der Verkehrsströme und oberhalb des Stadtsmogs, zum Beispiel in der Oberen Ebershalde, sind von alledem weniger betroffen. Sie sind auch am Wochenende nicht darauf festgelegt, sich zusammen mit den einfacheren Ständen durch die Restflächen der früheren „Maille“ zu quetschen, sondern können mit ihren Limousinen in erholsamere Umgebungen abrauschen.

Aber ganz besonders leidet der wirtschaftlich schwächere Teil der Bevölkerung und die bisherige Mittelschicht!

Die Fürsprecher des weiteren Bauens auf den teuren Außenbereichsflächen nehmen (in zwar etwas eigenartiger Argumentation, aber mit um so höherem moralischem Pathos) exklusiv für sich in Anspruch, aus „sozialen“ Gründen und im Sinne des Gemeinwohls zu handeln. Aber in Wirklichkeit verstärkt diese rücksichtlose Baupolitik ganz direkt die ohnehin schon bedenkliche soziale Spaltung in unserer Gesellschaft, denn:

Diese Zehntausende von einfachen Menschen, die in den weniger noblen Lagen von Mettingen bis Zell wohnen und/oder arbeiten müssen, die dem Lärm, den Schadstoffen und der Hitze, dem Dichtestress und der ökologischen Verarmung ihres Lebensraumes nicht ausweichen können –  sie zahlen jeden Tag den Preis für die „von oben“ vorangetriebene Übernutzung der Esslinger Gemarkung. Wie lange werden sie noch stillhalten?

Die jüngst veröffentlichte Studie „Umweltbewusstsein in Deutschland 2016 – Ergebnisse einer repräsentativen Bevölkerungsumfrage“ bestätigt, dass sozial Schwächere z.B. von den Umweltproblemen Lärm und Luftverschmutzung stärker betroffen sind als Wohlhabende. Bundesumweltministerin Hendricks mahnt deshalb lt. Pressemeldungen v. 12.04.2017: „Wir sollten gerade in Städten und Gemeinden den Umweltschutz stärker an denen ausrichten, die ohnehin benachteiligt sind.“

Aber in Esslingen ist die politische Führung leider entschlossen, genau in die entgegengesetzte Richtung zu marschieren: noch mehr Verdichtung, noch mehr Verkehr, Lärm und Abgase für die Stadtbewohner, und vor allem: Fortsetzung der Verbauung der für sie lebenswichtigen Frischluftschneisen!

Und es gibt noch einen weiteren Kollateralschaden in sozialer Hinsicht: die kalte Enteignung alteingesessener Esslingerinnen und Esslinger, meist aus der Mittelschicht – durch die fortschreitende Entwertung ihrer Wohnungen! Wer die Verhältnisse z.B. an der Ringstraße oder entlang der Krummenackerstraße kennt, weiß wovon hier die Rede ist. Wenn es, entsprechend dem Willen des Rathauses, mit der Verschlechterung der Aufenthaltsqualität so weitergeht wie bisher, wird für die, die es sich leisten können, letztlich nur der Verkauf unter Wert und der Wegzug übrigbleiben.